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WIE DER BACHERSEE ENTSTANDEN IST

Unweit St. Lorenzen bei Eibiswald erhebt sich als Wasserscheide zwischen der Mur und der Drau der ziemlich hohe Hartenig, insgemein Haideneck oder Hoadneck, kurzweg auch Seeberg genannt.

Es soll nämlich auf der Höhe des Berges eine sumpfige Hochebene sich befinden, die voralters ein See gewesen; zwei große Lachen, zwischen denen ein Fußsteig hindurchführt, werden als Überbleibsel dieses Sees bezeichnet. Hier rainen oder grenzen auch vier Bauern aus der St. Lorenzer Pfarre mit ihren Weidegründen aneinander, und die Leute sagen, wenn dieselben auf dem gemeinschaftlichen "Roaneck" eine Schüssel aufstellen, so könne jeder von ihnen, auf seinem eigenen Grund und Boden sitzend, aus derselben essen.

In diesem See nun, der sich auf dem Hartenig befand, hauste ein Wassergeist; die Leute nannten ihn das Seemandl. Dieser tat niemandem etwas zuleide und war überhaupt ein gar ruhiges und zutrauliches Geschöpf. Nur eines konnte er nicht leiden, nämlich, daß die Buben, welche das Vieh auf den Grasböden rings um den See herum hüteten, Steine in das Wasser würfen; denn jedesmal, wenn die Halterbuben solches taten, begann es bald darauf zu regnen, und nun schwoll der See so stark an, daß selbst dem Seemandl angst und bange wurde, es könnte am Ende gar in seinem Elemente zu Schaden kommen und darin ertrinken.

Wie aber schon einmal die schlimmen Buben sind, wenn sie bemerken, daß das, was sie tun, nicht recht ist und daß man sich darüber ärgert, so tun sie es nur um so gewisser; und dieses war auch hier auf dem Hoadneck der Fall. Je mehr das Seemandl sich über das Steinewerfen erzürnte, desto mehr fanden die ungezogenen Rangen daran Gefallen und sie hatten ihre helle Freude, wenn der sonst so harmlose Wassergeist recht in die Hitze kam und ihnen allerhand Drohworte zurief, an die sie sich selbstverständlich nicht kehrten.

Endlich wurde es dem gutmütigen Seemandl denn doch zu toll und es dachte sich, mit diesen dummen, boshaften Jungen sei nichts anzufangen. Und da der Gescheitere immer nachgibt, so beschloß es, in eine andere Gegend auszuwandern, dabei aber den See mitzunehmen, damit dieser ja nicht infolge der Steinwürfe der bösen Buben so heftig anschwelle, daß er am Ende gar aus den Ufern trete und die ganze Gegend unter Wasser setze. Und richtig, das Seemandl führte seinen Entschluß durch.

Ein Bauer, namens Pomaschitzer, hatte gerade um die damalige Zeit zwei kohlschwarze Ochsen, und diese weideten oben auf dem Hoadneck auf einer schönen Wiese nahe bei dem See. Als nun der Bauer eines Tages nach dem Vieh auf der Halt nachschauen wollte, bemerkte er zu seinem Schrecken, daß die beiden schwarzen Ochsen weg waren. Erfragte die Halterbuben, aber die wußten es selbst nicht, wie und wohin die Tiere abhanden gekommen seien. Der Bauer stieg das ganze Gebirge und alle umliegenden Gegenden ab, auch andere Leute halfen ihm suchen, doch alles umsonst, die schwarzen Ochsen waren nirgends zu finden.

Nun wollte der Bauer das Seemandl fragen und stieg deshalb wieder das Hoadneck hinan. Aber da war nirgends etwas vom See zu sehen, nur zwei kleine Lachen fand man dort, wo früher sich der Spiegel desselben ausgebreitet hatte; selbstverständlich war auch das Seemandl verschwunden, denn, wo sollte ein Wassergeist leben, wenn kein Wasser mehr da war. Kopfschüttelnd ging der Pomaschitzer heim ins Dorf und erzählte allen Leuten, wie der See auf dem Hoadneck verschwunden sei und mit ihm das Seemandl. Darob herrschte große Verwunderung unter den biederen St. Lorenzern und St. Lorenzerinnen, und da es für heute schon zu spät war, auf den Berg hinaufzugehen, so wurde dies auf morgen verschoben.

Und als am darauffolgenden Tage fast alle Männlein und Weiblein, jung und alt, aus dem Pfarrdorfe sich auf dem Hoadneck eingefunden hatten, war richtig weder vom See noch vom Seemandl etwas zu finden. Was aber allgemein die guten Leutchen besonders erstaunen machte, waren die beiden schwarzen Ochsen des Pomaschitzer, die da mitten auf dem morastigen Grunde weideten, wo früher der See gewesen. Die Tiere waren sehr abgemagert und auf den Hörnern trugen sie, fest angebunden, lederne Geldbeutelchen; in ihnen mußten blanke Silbermünzen sich befinden, denn es gab einen gar schönen, hellen Klang, wenn die Tiere mit ihren Köpfen unruhig hin- und herstießen. Der Pomaschitzer hatte selbstverständlich eine große Freude, daß er seine zwei Ochsen wiedergefunden, da ihn ja dieselben ein hübsches Geld gekostet hatten. Aber auch die Lederbeutelchen machten ihm solche Freude, daß er sie alsbald von den Hörnern abnahm, öffnete und sich von ihrem Inhalte überzeugte. Es waren lauter funkelnagelneue Taler drin, jedoch alle von einer alten Prägung, die niemand kannte.

Als nicht lange danach die St. Lorenzer eine Wallfahrt zu einer Kirche auf dem Bachergebirge unternahmen, hörten sie, daß auf der Höhe desselben seit kurzer Zeit ein See entstanden sei, in welchem ein Wassergeist hause. Es gelüstete einige St. Lorenzer, diesen zu sehen, und sie stiegen, darunter auch der Pomaschitzer, das Gebirge hinan. Richtig fanden sie den See, ganz so wie er auf dem Hoadneck gewesen war, und aus seinen Fluten tauchte das Seemandl auf und grüßte die guten Leutchen als seine lieben, alten Bekannten. Darauf aber tauchte es wieder unter und wurde nicht mehr gesehen.

Jetzt war es allen klar, wo die beiden schwarzen Ochsen sich die Zeit über befunden hatten. Das Seemandl hatte sie eingespannt, um den See vom Hoadneck weg auf den Bacher zu führen; und das war freilich ein hartes Stück Arbeit, bei welcher die Tiere arg herunterkommen mußten. Dafür war aber auch der Lohn ein entsprechender gewesen, denn die vier Lederbeutelchen voll mit den funkelnagelneuen Silberstücken von uralter, unbekannter Prägung waren der Dank des Seemandls.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911