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VERSTEINERTE FREVLER

In der Umgebung des berühmten Wallfahrtsortes Mariazell befinden sich mehrere seltsam geformte Felsgebilde, deren eines im Volksmunde den Namen "die Spinnerin am Gamsgebirge" führt, die übrigen aber die "Spielmäuer" und die "Spieler" genannt werden.

Einst lebte ein Mädchen, das fort und fort spann. Es wollte sich viel, recht viel Geld erwerben und vergaß dabei ganz und gar auf den Gottesdienst. Das Mädchen kannte keine Ruhe, keine Feierstunde; sein Altar war der Bleichherd und der Spinnfaden sein Rosenkranz. Oft baten die Eltern und Schwestern, von der unausgesetzten Arbeit für einige Zeit abzustehen, aber umsonst. Und einmal sagte das Mädchen frevelnd: "Ich will keine Kirche besuchen, keine Messe hören, sondern nur spinnen, bis der letzte Pilger von Mariazell kommt." Da strafte Gott die sündige Maid und verwandelte sie in Stein.

So spinnt nun die Spinnerin am Gamsgebirge fort und fort, und sie wird noch lange spinnen, so lange, als fromme Wallfahrer nach Mariazell pilgern werden.

Aus einem bei Mariazell befindlichen Bergwerke gingen an einem Ostersonntag die Bergknappen zum Gottesdienste nach Wegscheid. Nur sieben von ihnen blieben zurück und spielten Karten. Ganz fröhlich saßen sie beisammen, als sich plötzlich ein Gewitter erhob; es donnerte und blitzte und die sieben Bergleute wurden in Felsen verwandelt. Man zeigt diese heute noch und sie heißen die "Spielmäuer" oder kurzweg auch "Mäuer".

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Einmal lebten in der Gegend von Mariazell vier Holzknechte. Diese hatten gar keine Religion mehr; sie besuchten keine Kirche und schalten in einem fort, so daß schier jeden gläubigen Christenmenschen das Grausen anging. An einem Heiligen Abende stiegen sie auf die Steinwand hinauf, setzten sich nieder und begannen Karten zu spielen; dabei schimpften und lärmten sie derartig, daß selbst des Himmels Langmut zu Ende ging und dunkle Wolken die glitzernden Sternlein und den silbernen Mond bedeckten. Um Mitternacht, während der heil. Christmette, als eben die Glocken von Mariazell zur Wandlung läuteten, wurden die vier Spieler auf einmal ganz stille und unbeweglich, spielten nicht mehr und sahen einander ins bleiche Antlitz. Sie waren zur Strafe für ihren Frevel in Stein verwandelt worden und müssen nun so bleiben, bis der letzte Pilger von Mariazell kommt.

Diese vier Spieler dulden es nicht, daß man mit ihnen Spott treibe. Einst kehrte eine große Wallfahrerschar von Mariazell wieder heim. Darunter befand sich auch ein junger Bursche, keck und vorlaut, der sich auf dem Rückwege viele ungebührliche Scherze erlaubte. Als man zum Kirchlein in der Wegscheide kam, bemühten sich alle, durch das zerklüftete Gestein nach dem blauen Himmel zu schauen. Es knüpft sich nämlich an die "Spieler" der Glaube, daß, wenn man zwischen denselben hindurch den Himmel sehen kann, man nochmals nach Mariazell käme, wenn aber dies nicht der Fall, man das letztemal in diesem Wallfahrtsorte gewesen sei. Also blickten die Wallfahrer alle nach den Spielern und zwischen diesen durch nach dem Himmel. Gar viele sahen das Firmament, ja die meisten, und darunter auch der Bursche. Da jauchzte dieser laut auf und meinte, jetzt könne er flott leben, er käme ja nochmals nach Mariazell, und da wolle er sich damit Zeit lassen, bis er steinalt geworden. Kaum aber hatte der Bursche diese frevelnden Worte ausgesprochen, so stürzte er plötzlich lautlos zu Boden und war mausetot. Und da dies sich noch innerhalb des Pfarrsprengels Mariazell zugetragen hatte, so wurde seine Leiche wieder zurück nach dem Markte gebracht und dortselbst auf dem Friedhofe beerdigt. Also war der Bursche doch noch einmal nach Mariazell gekommen, freilich viel früher, als er es gewollt hatte; ihn hatten für seinen Übermut die Spieler gestraft, die mit sich keinen Spott treiben lassen.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911