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ST. HEINRICH

Auf dem Bachergebirge, tief im Urwalde drinnen und entfernt von den Menschenhütten, hauste vor Zeiten ein Bauer, ein gar trotziger, böser Mann, der alle Menschen haßte, selbst Weib und Kind darben ließ und dem Gesinde den verdienten Lohn entzog. Niemand konnte es bei ihm aushalten; er trieb es immer ärger, so daß Knechte und Mägde, zuletzt gar auch Weib und Kind ihn verließen.

Da war er nun ganz allein. Aber anstatt in sich zu gehen, freute er sich nur dieser Einsamkeit und zählte beim Lampenscheine sein Gold, seine Schätze, die er sich bei Tage auf eine jedermann unbekannte Weise erworben.

Einst in später Nachtstunde, als der Bauer eben wieder seinen Reichtum in den Säcken und in der Truhe überblickte, klopfte es ans Fenster. Ein Wanderer, welcher sich verirrt hatte, bat um Einlaß und um ein Stückchen Brot. Der Geizhals aber reichte ihm spottend anstatt des Brotes einen Stein zum Fenster hinaus. Da verwünschte der Wandersmann den hartherzigen Bauern und entfernte sich hierauf.

Die gerechte Strafe für diese herzlose Tat blieb nicht aus. Es kam der Winter; eine ungeheuere Schneemasse bedeckte bald den ganzen Bacher, und des Geizigen Behausung wurde fast ganz eingeschneit. Doch machte dies dem Bauern keinen Kummer; er glaubte ja Holz genug zu haben, um sich die Stube den ganzen Winter hindurch erwärmen zu können, und für den Durst hatte er Wein im Keller, für den Hunger Brot im Schranke. Aber als er nach dem Brote griff, war dieses zu Stein geworden. Jetzt hatte er nichts zu essen und mußte voraussichtlich verhungern. Da gedachte der hartherzige Mann des armen Wanderers, dem er anstatt des Brotes nur einen Stein gegeben hatte; er erinnerte sich dessen Verwünschung, die nun eingetroffen war und erkannte darin die gerechte Strafe für seine Frevel und seinen Übermut.

Sein trotziger Sinn war gebrochen; er gelobte Gott, sich zu bessern und dem St. Heinrich zu Ehren ein Kirchlein zu erbauen, wenn ihn der Himmel aus dieser Pein erlöse. Und siehe da! Sein Gelübde fand Erhörung; das versteinerte Brot wurde wieder weich und genießbar.

Zur schuldigen Danksagung erbaute der Bauer das Kirchlein St. Heinrich am Bacher und ward nun wieder ein ordentlicher Mensch.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911