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SAGE VON ROTENFELS

Vor mehreren Jahrhunderten lebte auf dem Schlosse Rotenfels bei Oberwölz ein edler Burggraf. Er stammte aus dem ritterlichen Geschlechte der Welzer und glich an wahren Mannestugenden vielen jener edlen Männer seiner Familie, welche teils dem Staate als Beamte dienten und mit hohen Würden und Ämtern betraut waren, teils als tapfere Krieger Blut und Leben dem Dienste des Vaterlandes weihten. Sowohl von seinen Vorgesetzten geehrt, ward er auch von den Untergebenen wegen seiner Milde, Herzensgüte und Gerechtigkeit allgemein geliebt und geachtet. Ihm zur Seite stand eine holdselige und tugendhafte Gattin, und diese, wie auch ein fünfjähriges, munteres Knäblein machten des Burggrafen ganze Freude und Seligkeit aus, zumal, wenn er von den Mühen und Anstrengungen im Dienste seines Herrn und Bischofs heimkehrte und im Schoße seiner Familie Ruhe und Erholung suchte.

Einst sprengte der Ritter auf mutigem Rosse, umgeben von seinen Reisigen und Knappen, aus dem Schloßhofe und die Straße hinab dem nahe gelegenen Städtchen Oberwölz zu. Gar lustig glitzerte die blanke eherne Rüstung in den Strahlen der aufgehenden Sonne, und kühn wallten die Federn am blinkenden Helm, von frischen Morgenlüften hin- und hergeweht. Am Kohlgrubentor harrte seiner schon die Bürgerschaft des heute festlich geschmückten Städtchens, angetan mit dem besten Gewande, denn man wollte entgegenziehen dem Bischof von Freising, dem obersten Grundherrn der Herrschaft, der da kommen sollte mit seinen Räten, um einiges in der Verwaltung zu regeln und die Wünsche seiner geliebten Untertanen zu vernehmen. Freundlich nickte der Ritter den ihn ehrerbietig grüßenden Bürgern zu, und an ihrer Spitze zog er seinem Herrn entgegen.

Oben im Schlosse aber saß die holde Frau und spielte mit ihrem munteren Söhnlein. Zeitweilig lugte sie durchs Fenster und auf die Straße hinab, auf der der festliche Zug daherkommen sollte. Endlich kam er heran, immer näher und näher, und bald konnte sie aus dem bunten Gewühle der Menge unterscheiden ihren Gemahl, wie er dem Bischofe zur Seite ritt und dieser sich mit ihm unterhielt. Und als der Zug dem Schlosse nahe war, da hob sie den Knaben empor auf den breiten Fensterrand, damit er hinabschaue und sich ergötze an der Herrlichkeit des festlichen Zuges da drunten tief im Tale. In seiner Freude aber drängte sich der rasche Knabe zu sehr nach vorne, entglitt den schützenden Armen der Mutter und stürzte über den steilen Fels in die furchtbare Tiefe hinab.

Starr und mit Entsetzen sah der Ritter den Sturz seines einzigen, geliebten Kindes, während die Menge ihren Schrecken durch lauten Aufschrei kundgab. Hastig spornte er sein Pferd und sprengte in die Nähe der Stelle, wo der zarte Sprößling seiner Liebe in seinem Blute liegen mochte; ihm folgte eiligst mit seinen Begleitern der würdige Bischof, welcher den Schmerz des unglücklichen Vaters ehrte. Vor dem Dickicht, das den Fuß des steilen Felsens umgibt, sprangen sie aus den Sätteln und bahnten sich durch das Gestrüpp den Weg zu der Leiche des unglücklichen Kindes. Die Vorsehung aber hatte, wie schon oft, auch hier ihre schützende Hand ausgebreitet über das unschuldsvolle Knäblein und nicht gewollt, daß diese Blume schon in so früher Jugend geknickt und vom Hauch des Todes berührt werden sollte. Als der Vater mit schreckerfülltem Herzen, der Bischof und die übrigen Begleiter der Stelle sich nahten, wo der Knabe liegen mochte, fanden sie ihn nicht tot, sondern fröhlich und munter mit den umherliegenden Steinen spielend. Ein Fichtenbaum hatte mit seinen weiten Ästen das stürzende Kind aufgefangen und es so, die Wucht des furchtbaren Sturzes mildernd, sanft auf den Boden niedergleiten lassen. Innig und gerührt drückte der glückliche Vater das auf solch wunderbare Weise gerettete Kind an sein Herz, und jubelnd zog nun der Zug weiter die Straße und den Weg zur Burg hinan.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911