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SAGEN VON FEINDLICHEN BRÜDERN Uralt ist die Geschichte vom Bruderhaß. Schon die heilige Schrift erzählt, daß sich Kain gegen seinen Bruder Abel erhob und ihn totschlug. Auch die steirische Volkssage weiß viel von feindlichen Brüdern zu erzählen, und so sollen einige dieser Sagen hier mitgeteilt werden. An Stelle des neuen Schlosses Puchs im oberen Murtale standen in früherer Zeit zwei, durch einen Schwebegang miteinander verbundene Schlösser, welche von zwei einander feindlich gesinnten Brüdern bewohnt wurden. Einst betraten die beiden Ritter fast gleichzeitig den Schwebegang. Als einer des andern ansichtig wurde, entspann sich ein hitziges Wortgefecht, sodann ergriffen sie ihre Schwerter und rannten sie sich gegenseitig in die Brust, so daß beide alsogleich tot zusammenfielen und über die Brücke, welche ohne Geländer war, in die Tiefe stürzten. Auch an das alte Schloß Schielleiten, dessen Ruinen unweit von Stubenberg stehen, knüpft sich die Sage von zwei feindlichen Brüdern, den Letzten ihres Geschlechtes, welche ganz entgegengesetzter Gemütsart gewesen. Der ältere Ritter von Schielleiten haßte seinen jüngeren Bruder tödlich und ließ demselben auf eine grausame Weise das Leben nehmen. Nach vollbrachter Schreckenstat erwachten in dem Brudermörder die heftigsten Gewissensbisse, und um seine schwere Schuld zu sühnen, schenkte er das Stammschloß Schielleiten den Tempelrittern und zog im rauhen Büßergewande ins Heilige Land. In der Schloßkapelle zu Reichenburg an der Save werden zwei Totenköpfe aufbewahrt, welche beide Schußwunden aufweisen. Die Sage erzählt, daß zwei Brüder von Reichenburg, deren einer das obere noch bestehende, der andere aber das am Fuße des Berges gelegene, beim Bahnbau im Jahre 1855 demolierte Schloß bewohnte, sich spinnefeind waren und eines Tages, als sie sich gegenseitig an einem Fenster ihrer Burg erblickten, aufeinander gleichzeitig Feuer gaben. Wenn man des Abends ihre Köpfe in der Schloßkapelle gegeneinander kehrte, so fand man sie stets am nächsten Morgen wieder voneinander abgewendet. Bevor Riegersburg, die größte und interessanteste Burg im Steirerlande, von der Freifrau Katharina Elisabeth von Galler in ihrer jetzigen Gestalt erbaut wurde, bestand dieselbe aus zwei Schlössern, dem westlichen Lichtenegg und dem nördlichen Kronegg, welche von einem ritterlichen Brüderpaare bewohnt wurden. Der ältere und sanftere der Brüder besaß das letztere Schloß, während das erstere dem jüngeren gehörte. Beide haßten und neckten sich auf alle mögliche Weise. Wenn der Herr von Kronegg in das Tal hinuntergehen wollte, mußte er die Burg des Lichteneggers passieren, was ihm aber der jüngere Bruder häufig verweigerte; ja selbst das Wasser, welches die Dienstmannen auf Kronegg in Ermangelung eines Brunnens daselbst holen mußten, wurde ihnen versagt, weshalb dort oft größte Not herrschte. Daließ nun der ältere Bruder durch Leibeigene und Gefangene einen Saumweg in den Felsen hauen, auf welchem nun mittels Mauleseln alles hinaufgeschleppt wurde, was man auf Kronegg brauchte. Noch ist dieser Pfad, welcher das Erstaunen aller Besucher der Riegersburg erregt, zu sehen und heißt der "Eselssteig". Auch das Schlößchen Prank bei St. Marein in Obersteier hat seine Sage von den feindlichen Brüdern. Dasselbe besteht aus zwei durch Gänge verbundene, aber durch eine gewaltige Mauer getrennte Bauten, welche als das Werk zweier Brüder aus deni um das Vaterland hochverdienten Geschlechte der Ritter von Prank bezeichnet werden, und deren jeder in seinem abgesonderten Flügel hauste. Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911
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