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HIRTENKNABE UND BERGMÄNNCHEN

In der Nähe der in einem freundlichen, von hohen Bergen eingeschlossenen Tale der Salza gelegenen Ortschaft Gams weidete ein Hirtenknabe die Schafe seines Brotherrn, eines reich begüterten, aber rauhen und herzlosen Bauers. Seine Gedanken mochten von seiner Beschäftigung weit abschweifen, denn traumverloren blickte er in die Bläue des Äthers empor oder starrte dem Fluge der Vögel nach, obwohl vielleicht von all dem, was er sah, nichts seine Aufmerksamkeit fesselte. Fühllos für die reichen Naturschönheiten, die ihn umgaben, fühllos für den lieblichen Gesang, den die kleinen, befiederten Bewohner des Waldes in den Zweigen über ihm ertönen ließen, starrte er düster vor sich hin. Alle, die er kannte, hatten ein Heim, jeder Vogel hatte sein Nest, nur er - solange er denken konnte, war heimatlos, war fremd! Wohl hatte er ein Heim, aber was für eines! Die Mutter war bald nach seiner Geburt gestorben; der Vater, ein schmucker Bauernknecht, war zum Militär abgestellt worden und hatte seitdem nichts mehr von sich hören lassen. So hatte ihn denn die Ortsobrigkeit seinem jetzigen Brotherrn zur Pflege übergeben, und dieser hielt die arme Waise nicht auf das beste. Kaum etwas erwachsen, mußte der Knabe die Schafe seines Pflegevaters weiden, um so die Kosten für seine Verpflegung wieder durch Arbeit zu vergelten. Kein freundliches Wort, kein ermunternder Blick wurde ihm zuteil; man betrachtete ihn nur als eine dem Bauern und seiner Familie aufgebürdete Last. So verstrichen die Jahre seiner Jugend, und sie hatten, anstatt die glücklichsten seines Lebens zu sein, nur allmählich sein Herz verbittert. Ja, wenn er reich wäre! dann würde man ihn zärteln wie ein verwöhntes Muttersöhnchen, dann würden die Kinder der anderen Bauern ihn gewiß zu ihren Spielen laden und mit ihm freundlich verkehren!

Plötzlich fuhr er empor aus seinen Träumereien. Erschreckt gewahrte er, daß die seiner Hut anvertrauten Tiere sich zerstreut, und daß es ihm wohl nicht gelingen werde, die Herde wieder völlig zusammen zu bringen. Er kannte die Herzlosigkeit seines Dienstherrn, fürchtete die Zornesausbrüche desselben, und ängstlich lief er daher die uniliegenden waldigen Bergeshalden ab, um die zerstreute Schar wieder zu sammeln. Da, mit einem Male, gewahrte er, an einer Felswand vorübereilend, in derselben eine Tür, die er früher nie bemerkt hatte. Vor derselben stand ein kleines Männchen in lichtgelbem, herrlich glänzendem Kleide. Über die Brust wallte ein langer Silberbart, der dem seltsamen Kleinen ein gar ehrwürdiges Aussehen verlieh. Ein freundliches Lächeln verschönte seine Züge, als er den Knaben zu sich rief und ihm bedeutete, daß er ihm seine verlorenen Schafe zeigen wolle. Jedoch das Ungewöhnliche, ja Übernatürliche der Erscheinung flößte dem Knaben Furcht ein, und anstatt dem freundlichen Winke Folge zu leisten, ergriff er hastig die Flucht. Die Nacht verbrachte der Junge bei Köhlerleuten, denen er sein Unglück betreffs der Herde erzählte und daß es ihm unmöglich sei, früher in das Haus seines Herrn zurückzukehren, als bis er seine Schafe wieder vollzählig gefunden. Die Angst ließ ihn gänzlich seines sonderbaren Abenteuers vergessen, und erst allmählich, nachdem sich sein Gemüt durch die tröstliche Versicherung des Köhlers, daß sich die Tiere ja doch nicht gänzlich verlaufen haben könnten, sondern möglicherweise selbst wieder sammeln werden, etwas beruhigt hatte, gedachte er des kleinen, gelben Männchens und der sonderbaren Tür im Felsen. Dem erstaunt zuhorchenden Alten sein Erlebnis erzählend, bereute er es nun, dem freundlichen Winke der seltsamen Erscheinung nicht gefolgt zu sein. Nachdem der Alte eine Weile gedankenvoll in die Glut gestarrt hatte, an der das ärmliche Nachtessen bereitet wurde, riet er dem Knaben, den nächsten Tag die Felswand aufzusuchen, wo er das gelbe Männchen erblickt hatte; vielleicht, daß sich ihm dieses noch einmal zeige und möglicherweise sogar den Grundstein seines künftigen Lebensglückes lege.

Eine Zeitlang sprachen sie noch über diesen Gegenstand, dann suchten sie das Lager auf und schliefen bald, weil erschöpft von des Tages Mühen, sanft ein. Des anderen Morgens erwachte der Junge, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. Der Köhler reichte ihm ein Stück Brot zum Frühstück und riet ihm, ja die seltsame Felsenwand aufzusuchen. Nachdem der Knabe sich beim wackeren Köhler auf das herzlichste bedankt hatte, machte er sich auf den Weg, und bald sah er schon von ferne die seltsame Tür in der Felsenwand und davor das sonderbare Männchen, das ihm, als er näher kam, freundlich zuwinkte.

Er faßte sich ein Herz und folgte dem Zwerge, welcher vor ihm in die offene Felsenhalle hineinging. Eine Weile durchschritten beide den Felsengang, welcher sich allmählich zu einem großen und hohen Saale erweiterte, und der Junge, geblendet von all dem Glanze, der sich seinen überraschten Blicken darbot, glaubte seiner Sinne nicht mächtig zu sein. Vom Boden bis zur Decke war alles eitel Gold; Edelsteine funkelten in allen Farben, und wohin das Auge sich richtete, gewahrte er unermeßliche Schätze, unsagbare Reichtümer. Und so ging's fort.

Durch mehrere Säle führte der Alte den erstaunten Knaben; in jedem derselben erblickte dieser größere Kostbarkeiten. Endlich schlug der seltsame Führer den Rückweg ein, und bald gelangte er mit seinem Schützling an den Ausgang, wo jetzt ein Haufen alter, verrosteter Schuhnägel lag, welche der Junge früher nicht bemerkt hatte. Das Männchen sagte dem Knaben, er solle sich die Taschen damit Rillen, was dieser auch tat, um den Alten nicht zu beleidigen, obwohl er sich dabei dachte, daß ihm ein kleiner Teil des Goldes weit lieber wäre. Sich wieder im Freien befindend, fiel ihm das veränderte Aussehen der Gegend auf. Er wandte sich um in der Absicht, das Männchen zu fragen, wo er sich befände; aber siehe da! der Alte war verschwunden, und vom Felsentor war ebenfalls keine Spur zu sehen.

Überrascht und unentschlossen, was er nun tun, wohin er sich wenden sollte, erblickte der Knabe in einiger Entfernung rauchende Schlote. Er schritt auf diese zu. Bald begegneten ihm einige Knappen, und erfragte diese, wo er sich befände. Erstaunt blickten sie ihn an, und erst als der Knabe das zweitemal die gleiche Frage stellte, antworteten sie ihm, daß der Ort Eisenerz heiße. Über sein Bitten wiesen sie ihm dann den Weg nach Gams zurecht. Höflich dankend, eilte er nun vorwärts, dabei im Geiste nochmals die erst gesehenen Herrlichkeiten überschauend. Unterwegs gesellte sich zu ihm ein Handelsjude, der mit alten Hadern hausieren ging. Dieser drang in den Knaben, er möge ihm seinen Rock verkaufen. Der aber wollte davon nichts wissen; durch das Drängen des Juden aufmerksam gemacht, bemerkte er, daß auf seinem Rocke ein sonderbarer Schimmer lag, und bei näherem Beschauen entdeckte er, daß derselbe ganz mit feinem Goldstaube überzogen war. Freudigen Herzens eilte er vorwärts und war bald den Blicken des langsam nachhumpelnden Hausierers verschwunden. Seine Freude und sein Staunen waren noch um vieles größer geworden, als er alle Säcke, welche er in der Felsenhalle mit alten, verrosteten Schuhnägeln gefüllt hatte, voll von Goldstücken fand; denn jeder Nagel hatte sich durch die Güte des kleinen Berggeistes in eine Goldmünze verwandelt. Nun war er, der arme, verlassene Hirtenjunge, plötzlich zu großem Reichtume gelangt, und er hatte jetzt Geld, viel mehr, als er sich je in seinen kühnsten Träumen hätte zu hoffen getraut!

Voll von Plänen, was er nun beginnen sollte, eilte der Junge seinem Dienstorte zu. Als er dort angelangt war, erzählte er den Leuten sein wunderbares Erlebnis und zeigte ihnen seinen Reichtum. Alle waren nicht wenig darüber erstaunt; der Knabe aber selbst glaubte, seinen Ohren nicht trauen zu dürfen, als er hörte, daß er volle sechs Wochen fort gewesen; es schien ihm die Zeit seines Ausbleibens nur zwei Tage gedauert zu haben. Man hatte sich seines rätselhaften Verschwindens halber hier geängstigt; sogar sein Dienstherr, der nun gegen ihn sehr freundlich wurde und ihm mitteilte, daß sich die Schafe von selbst vollzählig eingefunden hätten. Den darauffolgenden Tag suchte der glückliche Knabe nochmals den Fels auf, um dem gütigen Männchen seinen wärmsten Dank auszusprechen, jedoch fand er weder denselben noch die geringsten Anzeichen einer Tür. Nichtsdestoweniger aber trug der Junge Zeit seines Lebens die größte Dankbarkeit gegen seinen Wohltäter im Herzen und bemühte sich später, als er groß geworden, den Reichtum, zu dem er auf so wundervolle Weise gekommen war, zum besten seiner Mitmenschen anzuwenden; insbesondere nahm er sich armer, verlassener Waisen an, stets seiner eigenen Jugend gedenkend, die ihm so öde und freudlos vergangen.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911