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DIE WILDE JAGD

Zu den seltsamsten Naturerscheinungen gehören die sogenannten Luftstimmen. Schon in den ältesten Zeiten wurden in verschiedenen Gegenden sonderbare Töne gehört, welche die Luft erfüllten. Dieselben scheinen in verschiedenen Richtungen die Luft zu durchfliegen, oft von der Höhe herabzukommen, zuweilen aber auch von dem Erdboden aufwärts zu steigen. Diese seltsamen Luftstimmen werden gewöhnlich mit dem Namen "die wilde Jagd" bezeichnet.

Unsere heidnischen Vorfahren brachten die wilde Jagd mit ihren heerführenden Göttern in Verbindung. Nach dem Glauben des Volkes aber sind es die Geister ehemaliger unbarmherziger Jäger, die zu Lebzeiten Menschen und Tiere arg mißhandelt hatten und nun lange Zeit zwischen Himmel und Erde schweben müssen, ehe sie in ihre ewige Heimat eingehen dürfen; sie werden zur Strafe für ihre Freveltaten vom Teufel mit Geschrei und rastloser, stürmischer Unruhe in der Luft umhergetrieben.

Sagen von der wilden Jagd finden sich fast in allen Teilen der Steiermark. So wird der Hartkogel, ein bewaldeter Felsberg, von den Gestalten der wilden Jäger umkreist. In der Umgebung des Schöckels, im Seckauertal, im Raabtale in der Richtung gegen Kirchbach und in vielen anderen Gegenden braust die wilde Jagd über Wälder und Gebirge dahin. Da hört man in der Luft Jagdhunde bellen, Pferde wiehern, Schweine grunzen und Katzen miauen; dazwischen knallen die Büchsen, rufen die Jäger ihr "Hallo!" und hetzen die Hunde. Es ist ein Lärm, als ob die Bäume des Waldes zu Boden stürzten, und dabei bewegt sich der unsichtbare, gespenstische Zug mit reißender Schnelligkeit von einem Graben in den anderen. Wem unterwegs die wilde Jagd begegnet, der muß sich schnell bekreuzen und sich in die rechte Spur eines Wagenrades legen, denn sonst würde er erfaßt, mit in die Lüfte gezogen und dann von den bösen Geistern zerrissen werden.

Um ein gutes Werk zu tun, hacken die Leute oft dort, wo die wilde Jagd darüber hinwegsaust, einen Baum um und dann drei Kreuze in den Stamm; da können nun die wilden Jäger rasten, und die bösen Geister, welche dieselben rastlos forttreiben, haben dann keine Macht.

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Eine Kräutersammlerin in Kalwang begegnete einst am hellen Mittag der wilden Jagd, welche unter gellendem Aufschrei über die waldigen Berghöhen an der linken Seite des Liesingtales durch die Luft fuhr und sich dann über den Sebastianiberg hin in der Richtung gegen den Zeiritzkampel gänzlich verlor. Dieselbe Person fand in der sogenannten Kißfng ganz kleine Pferdehufeisen, die von der wilden Jagd herrührten, und erblickte auch im Felsgesteine des Gebirges Spuren derartiger Hufeisen eingedrückt.

Derartige Hufeisen, welche den Rossen der wilden Jagd angehören sollen, fand man auch an den steilen Gehängen des Pfaffensteins bei Eisenerz, von dem zeitweilig der gespenstische Zug abwärts in gerader Richtung gegen den Trofengbach zu fährt und dann im Wasser des letzteren verschwindet; desgleichen im Gemäuer der Fleischbank- und der Schaböfen bei Pusterwald, über welche die wilde Jagd mit so großem Tumult und Gejammer dahinsaust, daß die Leute glauben, die mächtigen Felswände müssen ins Tal herabstürzen.

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Zu Hitzendorf an der Söding läßt sich auch zuweilen die wilde Jagd vernehmen, insbesondere hörten die Bewohner eines Hauses, welches hart am Ufer des zwischen zwei bewaldeten Bergketten sich hindurchwindenden Baches gelegen, eine Zeitlang täglich ein sonderbares Gewinsel und Geheul, dann Lärmen und Schreien. Da erlaubte sich ein mutwilliger Knecht den Spaß und ahmte spottend das Geheul und Gebrüll nach. Flugs näherte sich dem Hause eine geisterhafte Gestalt, warf einen Menschenfuß zum Fenster hinein und rief "Du hast geholfen jagen, hilf daher auch nagen!" Und darauf verschwand die Gestalt plötzlich. Die erschrockenen Bewohner vergruben den Fuß in einem Winkel des Friedhofes.

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Ein Weidjunge der Herrschaft Riegersburg begab sich auf die Hasenjagd. Er gelangte in einen verrufenen Wald, setzte sich auf einen Baumstock nieder und stopfte sich ein Pfeifchen an. Es dauerte nicht lange, so begann die wilde Jagd über die Wipfel der Bäume dahinzusausen. Der Weidjunge vernahm deutlich ein schauriges Winseln, Heulen und Bellen und hörte auch eine Stimme rufen: "Da, da, da!" Er fürchtete sich jedoch nicht vor dem Spuke und spottete: "Ja, ja! Da, da!" Gleich darauf kam ein Jäger daher, ebenso wie der Weidjunge gekleidet und ausgerüstet, setzte sich auf einen Baumstock, stopfte sich das Pfeifchen und sah dem Spötter unverwandt scharf ins Gesicht. So betrachteten sich beide eine Weile, sprachen aber kein Wort, und endlich stand die Gestalt wieder auf und verschwand im Dunkel des Waldes. Der Weidjunge aber wartete, bis die wilde Jagd vorüber war, und machte sich dann auf den Heimweg.

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Ein Bergler aus Alt-Fladnitz ging einmal spät nachts durch das Raabtal beim sogenannten Stadelteich vorbei gegen Kirchbach. Da hörte er die wilde Jagd herannahen, und um sich vor ihr zu beschützen, legte er sich in eine rechte Wagenspur. Plötzlich sagte eine Stimme: "Da ist ein Stock, hier haue ich meine Hacke hinein!" und in demselben Augenblicke verspürte der Bauer im Rücken einen Schmerz. Da dieser fortwährend anhielt, legte sich der Mann auf den Rat des Pfarrers nach Jahresfrist auf dieselbe Stelle des Weges. Alsbald kam die wilde Jagd wieder dahergebraust, und die gleiche Stimme sagte: "Hier habe ich voriges Jahr meine Hacke in einen Stock gehaut; sie ist noch da!" Sogleich verschwand der heftige Schmerz im Rücken wieder, und der Bauer stand auf, um sich vor allem beim Priester für den guten Rat zu bedanken.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911