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DIE RACHE DES BERGGEISTES

Ein Knappe hatte eine wunderschöne Stimme. Ersang viel und wurde überall gerne gehört. Bei Gesang floß ihm die Arbeit munter fort, und sehr oft hörten die Kameraden seine Stimme in den unterirdischen Räumen des Erzberges ertönen. Als einst der Knappe bei der Arbeit in der Grube sang, bemerkte er, daß ihm ein kleines, bärtiges Männchen, welches eine Kapuze über den Kopf gezogen hatte, zuhörte. Der Knappe machte sich anfänglich aus dieser Nachbarschaft nicht viel und sang lustig fort; mit der Zeit aber wurde ihm unheimlich zumute, und er hörte vom Singen auf. Da trat das Bergmännchen zu ihm und sagte: "Singe, und ich will für dich arbeiten!" Damit war der Knappe zufrieden, und er sang, während das Männchen für ihn arbeitete. Da die Arbeit des Berggeistes mehr ausgab als die der gewöhnlichen Menschen, so erhielt der Knappe weit größeren Lohn. Wohl dünkte es den übrigen am Erzberge, es gehe dies nicht mit richtigen Dingen zu. Sie spähten ihm nach, sahen aber nichts Auffälliges; denn der Berggeist wußte es so einzurichten, daß jeder nur den Knappen arbeitend fand, während dieser aber eigentlich nichts tat, als singen.

So hatte der Sänger das schönste Leben und Geld im Überflusse. Dabei hütete er das Geheimnis, denn der Berggeist hatte ihn mit furchtbarster Rache bedroht, wenn er jenes preisgeben würde. Seine Kameraden wollten aber um jeden Preis dahinter kommen, zogen ihn mit sich ins Wirtshaus und zechten mit ihm über Gebühr. Da, im angeheiterten Zustande, verriet der Knappe das Geheimnis. Kaum aber war dieses heraus, als er plötzlich nüchtern wurde und nun vor der Rache des Berggeistes zitterte. In der Ahnung des nahen Todes ging er zur Kirche, beichtete und empfing das heilige Abendmahl.

Als der Knappe tags darauf in die Grube fuhr, wartete seiner schon der ergrimmte Gnom und hielt ihm den Bruch des Schwures vor. Darauf faßte er ihn mit Riesenkraft, schleuderte ihn in einen bereitstehenden Hunt, und fort brauste das Gefährt. Vor dem Eingange des Stollens aber saßen jene, die den Unglücklichen verführt hatten und lauschten; da brauste das gespenstige Fuhrwerk mit Blitzesschnelle daher. "Schurken!" rief donnernd der Berggeist, "sehet die Strafe eures verführten Kameraden!" und zermalmte den unglücklichen Knappen vor ihren Augen. Dies war das Werk eines Augenblicks, und zugleich war auch schon der Spuk wieder verschwunden. Bald darauf fanden einige Arbeiter den fast unkenntlichen Leichnam des unglücklichen Knappen, der dann mit allen bergmännischen Ehren zur Erde bestattet wurde.

Die hinterlistigen Kameraden aber wurden tiefsinnig und starben gleichfalls, einer nach dem andern, eines gewaltsamen Todes.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911