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DIE FREIMANNSHÖHLE

Im südwestlichen Teile der oberen Steiermark, auf der Stangalpe bei Turrach, befindet sich eine Höhle, die Freimannshöhle, schlechtweg auch das "Freimannsloch" genannt. Von dieser Höhle erzählte der Volksglaube, daß dort große Schätze verborgen liegen, die zu erlangen es aber schwer fällt, weil sie von einem gespenstischen Freimann bewacht werden, der jedem Eindringlinge das scharfe Richtschwert drohend entgegenhält.

Ein Welscher kam vor langer Zeit alljährlich nach Turrach und bestieg von hier aus die Stangalpe. Ohne sich lange auf dieser zu verweilen, kehrte er jedesmal schwer beladen von selber wieder zurück. Niemand wußte, woher er kam und was er auf der Alpe zu tun hatte, nicht einmal der Bauer, bei dem er in Turrach übernachtete. Auch war von ihm gar nichts herauszubringen. Einmal sagte er doch zu den Bauern: "Wenn die Leute wüßten, welcher Reichtum auf der Stangalpe verborgen liegt, dürften sie sich nicht so plagen." Hierauf entfernte er sich und wurde niemals wieder in der Gegend gesehen. Der Bauer aber hatte sich des Welschen Worte tief ins Gedächtnis eingeprägt und ließ es sich sehr angelegen sein, den Hort des verborgenen Reichtums ausfindig zu machen. Er untersuchte daher die Stangalpe Fleck für Fleck auf das genaueste. Endlich kam er an eine verborgene Stelle; auf dem Boden lagen seltsame glitzernde und leuchtende Steine zerstreut umher, welche er aufhob und, nachdem er sie als wertvolle Edelsteine erkannt, auch einsteckte. Im Weitergehen erblickte er in einer niederen Felsenwand eine von Gestrüpp verdeckte Öffnung, welche den Eingang zu einer großen Höhle bildete, in deren Innerem alles von Gold zu glänzen schien. Er nahm nun mit sich, was er zu tragen vermochte und kehrte damit nach Hause zurück. Am anderen und auch an den darauffolgenden Tagen begab sich der Bauer auf die Stangalpe und kehrte jedesmal mit Schätzen reich beladen heim. Auf diese Weise häufte er Reichtümer auf Reichtümer, und da er niemandem die Quelle davon verriet, so erregte er auch den Neid seiner Nachbarn, und bald erzählte man sich gar manch schauerliches Stücklein von ihm. Kein Wunder, wenn er auch die Augen des Gerichts auf sich lenkte. Zu dieser Zeit wurde ein reicher Herr, der sich auf die Stangalpe allein, ohne jede Begleitung begeben hatte, vermißt, und es war von ihm keine Spur aufzufinden. Da warf man auf den Bauern den Verdacht, daß er selben getötet und sich dessen Geldes bemächtigt habe, und verhaftete ihn. Er beteuerte zwar seine Unschuld, weil er aber nicht sagen wollte, woher er seinen großen Reichtum habe, so wurde er zum Tode verurteilt.

Nun aber hatte der Scharfrichter, dem der Bauer überantwortet werden sollte, auf daß er ihn vom Leben zum Tode bringe, einmal gehört, daß auf einem Berge bei Turrach die zahlreichen Schätze eines Fürsten, der sich aus Kärnten hieher und weiterhin durch die Steiermark nach Böhmen geflüchtet hat, begraben liegen. Er vermutete, daß dem Bauern die Stelle bekannt sei und er auch von dort seinen Reichtum geholt haben dürfte. Der Scharfrichter versprach dem Bauern, ihm durchzuhelfen, wenn er ihm die Fundgrube zeige. Der Bauer, bei dem die Liebe zum Leben die Oberhand über den Geiz gewann, willigte ein und führte den Scharfrichter zur Höhle auf der Stangalpe. Als dieser die unermeßlichen Schätze erblickte, überkam ihn die Habsucht; er wollte alles allein besitzen, und um nicht mit dem Bauern teilen zu müssen, tötete er ihn. Zur Strafe für diese schwarze Tat muß nun der Scharfrichter in der Höhle das Schwert schwingen über die Köpfe aller jener, welche von Geldgier geleitet hieher kommen, um die Schätze der Grube auszubeuten, und deshalb heißt auch die Höhle im Volksmunde das "Freimannsloch".

Nicht gering ist die Zahl derer, welche oft aus den entlegensten Teilen der Monarchie hieher wandern und nach den verborgenen Schätzen suchen. Wenigen nur ist der Eingang zur Höhle bekannt und schreckliche Ungetüme bewachen sie und drohen jedem, der einzudringen wagt, mit dem Tode. Wem es aber, so erzählt das Volk, gelingt, in die Höhle hineinzukommen, der kommt dann auch jedesmal ungefährdet und mit Schätzen reich beladen wieder zurück, nur muß er trachten, den Spuk des gespenstischen Freimannes durch ein geweihtes Kreuzlein oder einen anderen geheiligten Talisman zu verscheuchen. Mancher Goldsucher aber hat sich auch in den Klüften der Höhle verirrt und ist in den Abgründen verunglückt; das Volk weiß manchen zu nennen, welcher in die Grube gegangen und nicht mehr das Tageslicht erblickt hat; er soll dem Schwerte des gespenstischen Freimannes erlegen sein.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911