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DIE AHNFRAU DER EGGENBERGER

Im prächtigen Schlosse Eggenberg bei Graz zeigte sich in früheren Jahrhunderten, und zwar jedesmal, wenn ein Todesfall in der Familie der Eggenberger bevorstand, eine kleine Dame, genannt die graue Jungfer, weil sie stets grau gekleidet und mit einem grauen Fächer vor dem Gesichte erschien. Es war dies die Ahnfrau des mächtigen und hochangesehenen Adelsgeschlechtes der Eggenberger, welche sich durch die Gnade der habsburgischen Regenten aus dem bürgerlichen Stande, dem sie ursprünglich angehörten, bis zur Fürstenwürde emporgeschwungen hatten.

Eine Fürstin von Eggenberg, welche zu Anfang des 18. Jahrhunderts auf dem Schlosse lebte, war auf das innigste befreundet mit einer Gräfin von Attems, deren Gemahl im Schlosse Gösting residierte. Beide Damen kannten sich schon von früher Jugend auf, sie waren beide mitsammen in einem Kloster der Ursulinen erzogen worden, und als sie sich vermählten, fügte es der Zufall, daß die Besitzungen ihrer Gatten aneinander grenzten, so daß sie also auch fernerhin einander sehr nahe waren und sehr häufig sich gegenseitig besuchen konnten.

Gelegentlich eines solchen Besuches, den die Gräfin ihrer fürstlichen Freundin auf Eggenberg abstattete, lustwandelte sie mit ihrem Söhnchen im schattigen Schloßgarten. Die Fürstin war, weil etwas unwohl, in ihren Gemächern zurückgeblieben, und die Gräfin, welche mit ihrem Kinde allein zu sein wünschte, hatte jede Begleitung aus der Schar der Dienerschaft abgelehnt. Lautlose Stille herrschte ringsum, und nur in den Bäumen sangen die Vögel. Kein Mensch war im Parke oder in der Nähe des Schlosses zu sehen, denn es war nahe am Mittag, und die Schloßdienerschaft hatte alle Hände vollauf beschäftigt. Diese Stille tat der Gräfin wohl- sie plauderte mit ihrem Söhnchen und erfreute sich an dessen kindlichen Antworten. Mit einem Male bemerkte sie auf der Kapellenseite des Schlosses eine seltsame weibliche Gestalt, welche langsam ihr entgegenschritt. Es war eine kleine Dame in einem grauen Gewande mit langem, altertümlichem Leibstücke, woran Schleifen und Spitzen prangten; auf dem Kopfe saß eine goldgestickte Haube mit breiten grauen Bändern, und die Füße umschlossen graue seidene Schuhe mit hohen roten Absätzen.

Der Gräfin wurde es beim Anblicke dieser Erscheinung unheimlich zumute und sie konnte sich eines leisen Schauers nicht erwehren. Auch ihr Söhnchen fürchtete sich vor dieser seltsamen Gestalt und schmiegte sich ängstlich an die Mutter, welche am liebsten umgekehrt und der grauen Dame ausgewichen wäre. Da sich aber dies nicht gut anließ, so ging die Gräfin der Erscheinung herzhaft entgegen. Diese schlüpfte an ihr geräuschlos vorüber, wobei sie es versuchte, das Gesicht hinter einem davorgehaltenen grauen Fächer zu verbergen. Dessenungeachtet sah die Gräfin, daß das Antlitz der grauen Dame totenfahl war; auch schien es ihr, daß ein dumpfer Modergeruch dieselbe umgab.

Entsetzt sah die Gräfin der gespensterhaften Gestalt nach, welche dem Schlosse zutrippelte, dann gegen sie gekehrt drei zierliche Knixe machte und darauf in der Nähe der Kapelle verschwand.

Die Gräfin begab sich mit ihrem Söhnchen schleunigst zurück in das Schloß und suchte die Freundin in ihrem Gemache auf; nur schwer konnte sie ihre Aufregung verbergen und erzählte endlich auf das Drängen der Fürstin hin von dem Spuke, der sie im Parke so sehr erschreckt hatte.

"Das war die Ahnfrau", rief die Fürstin, nachdem die Gräfin ihren Bericht geendet hatte, und schaudernd setzte sie hinzu: "Ehe drei Tage vergangen sein werden, wird jemand aus Eggenbergs Geschlecht in den Sarg gelegt!"

Die Gräfin suchte nun der Fürstin diese Meinung auszureden. Aber diese berief sich auf die mehrhundertjährige Familientradition, der zufolge das Erscheinen der grauen Dame, der Ahnfrau des Geschlechtes der Eggenberger, den sicheren schnellen Tod eines der Familienmitglieder bedeute. Und indem sie dies der Gräfin erzählte, fiel die Fürstin weinend ihrer Freundin in die Arme, und es wollte dieser nicht gelingen, die schmerzlich Erregte zu beruhigen.

Schweren Herzens schied die Gräfin von der Fürstin und begab sich wieder heim in das Schloß Gösting, wo sie schlaflos die Nacht verbrachte. Und kaum graute der Morgen des nächsten Tages, als ein Eggenbergscher Diener angesprengt kam und die Schloßherrin dringend zu sprechen verlangte. Sie ließ ihn vor und vernahm nun die schreckliche Kunde, daß die Fürstin, ihre Freundin, bald nach Mitternacht an einem Herzschlage gestorben sei. Die Aufregung hatte sie getötet. Die Gräfin von Attems eilte sofort nach Erhalt der Trauerbotschaft nach Eggenberg. Als sie in das Sterbezimmer ihrer Freundin trat, erblickte sie die graue Dame, welche der Leiche die Augen zudrückte. Die Kammerjungfrau schrie laut auf, und da erhob die gespenstische Gestalt ihr totenfahles Antlitz mit den erloschenen Augen, griff nach ihrem Fächer und ging dreimal knixend zur entgegengesetzten Tür, durch welche sie sodann verschwand.

Seither zeigte sich die Ahnfrau der Eggenberger nur einmal noch, kurz vor dem im Jahre 1716 erfolgten Tode des letzten Fürsten aus diesem Geschlechte, und wurde dann niemals wieder gesehen.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911