SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Steiermark

   
 

DER UNTERGANG DES SILBERBERGWERKS IN ZEIRING

In Zeiring wurde ehemals ein reicher Silberbergbau betrieben. Im Jahre 1158 zerstörten denselben starke Grubengewässer, und 1400 Knappen kamen dabei elendiglich um ihr Leben.

Bei diesem Bergbaue wurden große Mengen Silbererze zutage gefördert, und die Knappen erhielten nicht nur reichlichen Lohn, sondern auch einen Anteil an der Ausbeute. Da es ihnen nun sehr gut ging, wurden sie übermütig und verübten zahlreiche schlimme und böse Streiche. Gewöhnliche Kleider aus Tuch und steirischem Loden genügten ihnen nicht, sie kleideten sich in Seide und Samt; sie tranken die kostbarsten Weine, die sonst nur auf die Tafeln der mächtigen Fürsten und Grafen kamen; sie verschmähten den Lämmerbraten und holten sich als kecke Diebe das beste Wildbret aus fremden Wäldern und fischten eigenmächtig in den Fischwässern nach den köstlichsten. Forellen und Saiblingen. Dazu versanken sie noch von einem Laster in das andere, ergaben sich dem Trunke und dem Spiele und verübten auch sonst ungestraft allerlei Freveltaten.

Als einst die Knappen wieder in das Bergwerk eingefahren waren und sich an die Arbeit begeben hatten, traten ihrer vierzehn zusammen, unterhielten sich, anstatt ihrer Pflicht nachzukommen, lachend über ihre tags zuvor verübten Streiche. Plötzlich erschien vor ihnen, wie aus der Erde emporgestiegen, ein kleines, silberweißes Männlein mit einem silbernen Mäntelchen angetan; Kopfhaare und Bart waren von Silberfäden und reichten bis an den Gürtel, das Haupt bedeckte ein silberner, breitkrempiger Hut, unter welchem ein feuriges Augenpaar hervorleuchtete, und das Gesicht glänzte wie das Silberlicht des Mondes. Dieses Männchen drohte nun den Knappen, welche auf einmal ihre Munterkeit und ihre kecke Zuversicht verloren hatten, und rief mit furchtbarer Stimme: "Ich bin der Beherrscher dieser unterirdischen Gruben und Silberminen! Wenn ihr nicht meine Schätze, die ihr da ausbeutet, zum Nutzen und Frommen eurer Mitmenschen verwendet, so sollen die Gewässer, die ich bisher gehütet, diese Gänge überfluten und den ganzen Bergbau zerstören. Sieben Jahre lasse ich euch Zeit zur Besserung und Bekehrung; fahrt ihr bis dahin noch fort in euerem tollen, wüsten Treiben, so soll euch mein Zorn treffen und mein Grimm euch zermalmen!"

Nach diesen schrecklichen Worten war die Erscheinung verschwunden. Die sprachlos gewesenen Knappen verließen nun eiligst den Schacht und erzählten ihren Kameraden, was ihnen begegnet. Nun wurde es wohl stiller und ruhiger in Zeiring, denn das böse Gewissen der schlimmen Gesellen quälte diese, und dazu gesellte sich die Furcht vor der Drohung des mächtigen Berggeistes.

Aber nicht lange, nur wenige Monate dauerte die Besserung, dann fingen die Knappen das alte Leben wieder an, ja sie trieben es noch ärger als zuvor. Sie schoben mit silbernen Kugeln nach silbernen Kegeln, denn hölzerne genügten den hochmütigen Bergleuten schon lange nicht mehr; aber selbst dies war ihnen nicht mehr gut genug, und so mordeten diese ungeheueren Frevler einmal gar ein blondlockiges Knäblein und schoben mit dessen bluttriefendem Köpfchen auf der Kegelbahn. Das arme Großmütterchen, dem man das unschuldige Enkelkind entrissen, erstarrte vor Schrecken und Schmerz über diese entsetzliche Blut- und Freveltat und ließ ein Gefäß voll Mohnsamen seiner zitternden Hand entfallen, so daß nun die Körnlein weit umher auf der Erde ausgestreut lagen. Mit unheimlichem Ernste im faltenreichen Gesichte öffnete es endlich den zahnlosen Mund und sprach die prophetischen Worte: "So viele Mohnkörner hier auf der Erde, so viele Jahre in Zeiring kein Bergsegen mehr!"

Als diese unerhörte, blutige Freveltat geschehen, war eben die vom Berggeiste gegebene siebenjährige Frist zu Ende gegangen.

Am anderen Tage fuhren die Bergleute wie gewöhnlich wieder zur Arbeit in die Silbergruben ein; 1400 Knappen stiegen in die finstere Nacht des Bergwerks hinab, um nie wieder emporzukehren, nie wieder das helle Sonnenlicht zu sehen. Vor ihrer Einfahrt hatte ihnen ein tauber Arbeiter mitgeteilt, daß er ein seltsames Wasserrauschen wahrnehme, und er ermahnte sie deshalb zur Flucht. Er wurde aber ausgelacht, und alle Knappen außer ihm stiegen in die Tiefe. Kurz danach erbebte die Erde; aus den Seitenwänden und aus unbekannten Schlünden brachen starke Gewässer mit furchtbarer Macht hervor, ergossen sich verheerend in die besten Erzgänge und füllten mit rasender Schnelle die Schächte und Gruben des Silberbergwerkes. So strafte der strenge Berggeist die mörderischen und übermütigen Frevler. Alle 1400 Bergknappen ertranken, nicht weniger als 700 Ehefrauen wurden an diesem schrecklichen Tage zu Witwen und eine mehr als dreifache Zahl von Kindern zu vaterlosen Waisen gemacht.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911