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DER SCHATZ DER STUBENBERGER

Auf der nun schon lange in Trümmer zerfallenen Burg Oberkapfenberg im Mürztale hauste das Geschlecht der Herren von und zu Stubenberg, deren eigentlicher Stammsitz das noch erhaltene Schloß Stubenberg im Feistritztale gewesen. Zwei Brüder aus diesem Geschlechte führten ein echtes Raubritterleben. Da sie es gar zu toll trieben, ergrimmten die übrigen Ritter ihrer Umgebung und rückten ihnen hart an den Leib. Da zogen die beiden Stubenberger mit allen ihren erbeuteten reichen Schätzen, von wenigen Getreuen begleitet, in die damals fast unzugänglichen Waldschluchten des Schöckels und erbauten die Feste Stubegg. Von hier aus setzten sie nun ihr tolles Treiben ärger als früher fort, raubten nicht nur reisende Kaufleute aus, sondern plünderten auch manches Gotteshaus und vergriffen sich dadurch selbst an den Schätzen der Kirche. Da belegte der Papst die beiden Brüder mit dem Kirchenbanne.

Dies wirkte. Die beiden Stubenberger erklärten sich bereit, den Kreuzzug ins Gelobte Land mitzumachen, an welchem auch der damalige österreichische Herzog teilnahm. Sie wollten die Stätte sehen, auf welcher der Heiland gewandelt und unter dessen Kreuze einer ihrer Ahnherren als römischer Hauptmann Wache gestanden; sie wollten ihre verruchten Taten sühnen und mit ihrem Blute das Heilige Land von den Ungläubigen befreien helfen, um dann vom Kirchenbanne wieder erlöst werden zu können.

Bevor sie jedoch die Heimat verließen, dachten sie an die Sicherung ihres Reichtumes. Sie suchten in der Nähe des schon damals bestandenen Schöckelkreuzes einen sehr abgelegenen Platz zwischen Klüften und wirrem Gesteine, und nachdem sie eine ihnen passende geräumige Felsspalte gefunden hatten, schaffen sie in stiller Nacht unter Beihilfe einiger weniger Vertrauter die Schätze an diesen Ort, verwahrten sie in einer hölzernen Truhe und verschlossen den Zugang mit einer Eisentür, die sie nach außen zudem noch mit Steinen und Moos bis zur Unkenntlichkeit verdeckten. Die Schlüssel zur Truhe und zur Eisentür nahmen die Ritter zu sich. In schwarzer Rüstung mit geschlossenem Visier, das rote Kreuz auf der Brust, zogen dann die beiden vom Papste geächteten Ritter in Begleitung sämtlicher Mitwisser ihres Geheimnisses gegen Welschland, wo sie sich dem Zuge der begeisterten Kreuzfahrer anschlossen.

Einige Jahre vergingen, da brachte ein Pilgrim aus Palästina dem auf die Rückkehr seiner Herren wartenden treuen Burgvogte von Stubegg die Kunde, daß beide Ritter von Stubenberg im Kampfe gegen die Feinde des christlichen Glaubens gefallen seien; auch habe ihm einer der Brüder sterbend das Geheimnis von dem in der Nähe des Schöckelkreuzes verborgenen Familienschatzes entdeckt und ihm die beiden Schlüssel übergeben, auf daß er sie dem Burgwarte und dieser wieder einem der übrigen Sprossen aus dem Stubenbergschen Geschlechte aushändige. Bevor nun aber der Burgvogt diesem letzten Willen seiner toten Gebieter entsprechen wollte, stellte er vereint mit dem Pilger emsige Nachforschungen nach dem Verstecke des Schatzes an; doch waren alle ihre Bemühungen vergebens, ja sie verloren sogar bei diesen Streifzügen die beiden Schlüssel. Sie gaben nun jedes weitere Suchen auf, und im Laufe der Zeit geriet die Sache in Vergessenheit.

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Einst kehrte ein junger Bursche aus einem Kriege, den er mitgemacht hatte, wieder heim in eines der Dörfchen am Fuße des Schöckels, wo sein gutes Mütterchen liebend seiner Rückkunft harrte. Der Weg führte ihn bei dem Schöckelkreuze vorbei, und es dämmerte bereits, als er bei diesem anlangte. Unwillkürlich richtete er seine Blicke nach aufwärts und erblickte in der Wand ober dem Kreuze ein halb geöffnetes Felsentor. Er kannte die Geschichte vom Schatze der Stubenberger; unentschlossen blieb er deshalb eine Weile stehen und überlegte, was er tun, ob er sich die Reichtümer aus der Höhle aneignen oder ob er in die Arme seiner alten Mutter eilen sollte. Endlich siegte die Kindesliebe über die Geldgier, und der Bursche eilte heimwärts, merkte sich jedoch die Felsentür gut. Als er an einem der nächsten Tage wieder zum Schöckelkreuze kam und nun die Wand erklimmen wollte, um sich einiges von den Schätzen in der Höhle anzueignen, waren Felswand und Tor verschwunden. Doch der Bursche machte sich nichts daraus, daß er aus Liebe zu seiner Mutter die Gelegenheit, reich zu werden, versäumt hatte. Dafür erging es ihm auch sein ganzes Leben gut, besser, als es ihm vielleicht ergangen wäre, wenn er wirklich den Schatz gefunden hätte. Denn nicht immer ist Reichtum die Quelle reinen Glückes; gar viele sind plötzlich reich geworden und dabei verdorben.

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Zu Anfang des 14. Jahrhunderts wohnte in Gschaidt der Stubenbergsche Untertan Georg Gußgruber. Dieser ging an einem frühen Dezembermorgen über den Schöckel und da begegnete ihm unterwegs ein Bübchen von ungefähr 14 Jahren, das den Bauern ansprach und fragte, wohin ihn schon so früh sein Weg führe. Gußgruber antwortete, er hätte ausständige Schulden einzufordern, und darauf sagte das Bübchen, der Bauer täte nicht gut daran, einen so weiten Weg zu machen, er möge lieber mit ihm gehen, was ihm gewiß größeren Nutzen bringen würde. Bei diesen Worten besah sich der Bauer den Kleinen näher und bemerkte, daß derselbe sehr lichte Augen habe, die in der noch herrschenden Dunkelheit ganz feurig aussahen. Darüber wurde ihm unheimlich zumute; das Büblein aber, als es dies merkte, nahm den Bauern bei der Hand und sprach: "Habe keine Furcht vor mir und gehe unbesorgt mit, es soll dir kein Leid widerfahren."

Nun führte er ihn zu einem Wacholderstrauch, und da sah der Bauer eine große eiserne Tür, zu welcher ihm das Büblein zwei Schlüssel zeigte mit dem Bedeuten, damit die Tür zu öffnen. Da es aber noch dunkel war und der Bauer nichts sehen konnte, so nahm der Bub aus der Steinwand eine Fackel, zündete diese an und leuchtete dann dem Bauern. Dieser bemerkte hierbei zu seinem Entsetzen, daß der Kleine ganz schwarz sei, doch ließ er keine Furcht erkennen und sperrte die Tür auf. Nun traten sie ein, und zwar zuerst in ein Gewölbe, in dem sich nur zwei riesige Kohlenhaufen befanden, kamen dann in ein zweites, darin ebenfalls zwei derartige Haufen lagen, und endlich in eine dritte gewölbte Felsenhalle, welche sieben eiserne Türen hatte, vor deren mittlerer ein großer, schwarzer Hund lag. Das kohlschwarze Büblein mit den lichten Augen, das im roten Scheine des Fackellichtes nur noch unheimlicher aussah, fragte den Bauern, ob er alles gesehen habe, und als dieser es bejahte, kehrten sie ins mittlere Gewölbe zurück. Nun befahl der Kleine dem Bauern, von dem einen Haufen eine Handvoll Kohle in die Tasche zu stecken, was derselbe sich auch nicht zweimal sagen ließ. Darauf gingen sie hinaus und auf des Kleinen Geheiß sah Gußgruber nach, was er in die Tasche eingesteckt, und zog anstatt der fünf Kohlenstücke, die er vom Haufen genommen hatte, ebensoviele Goldmünzen hervor.

Das Büblein sagte nun dem Bauern, daß er, solange er lebe, täglich hierher kommen und zwei Händevoll und nicht mehr von dem Kohlenhaufen im mittleren, nicht aber aus einem der beiden anderen Gewölbe nehmen dürfe. Auch solle er darüber möglichst lange Stillschweigen bewahren, und nur dann, wenn er in die Lage käme, es einmal sagen zu müssen, die beiden Schlüssel mit den daranhängenden beschriebenen Pergamentstreifen seiner Obrigkeit einhändigen.

Der Bauer versprach, dies alles genau zu befolgen und darauf verschwand plötzlich das gespenstische, kohlschwarze Büblein.

Durch nahezu anderthalb Jahre stattete Georg Gußgruber täglich dem mittleren Gewölbe seinen Besuch ab, nahm von dem Kohlenhaufen zwei Händevoll weg und hatte dann jedesmal seine Tasche mit blanken Goldstücken gefüllt. Auf diese Weise wurde er ein sehr reicher Mann und kaufte sich nicht nur Häuser, sondern auch Weingärten, Wiesen und Äcker. Aber dieser plötzliche Reichtum machte die Leute und die Obrigkeit auf ihn aufmerksam und er mußte sich, da er bisher strengstes Stillschweigen bewahrt hatte, über die geheimnisvolle Quelle seines großen Vermögens bei der Grundherrschaft verantworten. Da teilte nun Gußgruber dem Grundherrn die volle Wahrheit mit, übergab ihm die beiden Schlüssel mit den daranhängenden Zetteln und sagte: "Die Herren von Stubenberg sollten die Pergamentstreifen und die Schlüssel behutsam aufheben, es werde ihnen dadurch einmal noch ein großes Glück beschert werden!"

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Gegen Ende des 15. Jahrhunderts fand ein Hirtenknabe, welcher eine Herde Schafe am Fuße des Schöckels weidete, an einer Wand dieses Berges zwei glänzende, ganz absonderlich geformte Schlüssel. Er nahm diese an sich und gab sie, nachdem er abends die Herde heimgetrieben hatte, seinem Dienstherrn, dem Bauer Wölfl in der Breitenau. Dieser dachte sich sofort, daß ihm die Schöckelhexe den so vielbesprochenen Schatz der Stubenberger zugedacht haben dürfte. Er ließ sich am nächsten Tage von seinem Schafhirten den Platz zeigen, an welchem er die Schlüssel gefunden hatte, und kam endlich nach langem Suchen an die eiserne Tür und den Eingang zum unterirdischen Gewölbe, in dem er eine schwere, eiserne Truhe und darin eine Menge blinkendes Gold und glitzernde Edelsteine fand.

Sorgfältig bewahrte er den Fund als ein großes Geheimnis und nahm ab und zu einige Taschen voll zu sich. Erst auf seinem Totenbette machte er seinem ältesten Sohne Mitteilung und nahm diesem das eidliche Versprechen ab, niemandem ein Sterbenswörtchen darüber zu verraten und von dem Gelde stets nur einen guten Gebrauch zu machen.

In der Nacht nun, in welcher der alte Wölfl starb, wütete in jener Gegend ein fürchterlicher Sturm, der vielhundertjährige Eichen entwurzelte und in den Tälern und Schluchten die größten Verheerungen anrichtete. Als nach einiger Zeit der junge Wölfl dem Schatze einen Besuch abstatten und sich davon einiges Geld, dessen er zum Wiederaufbaue mehrerer seiner vom Sturme arg beschädigten Wirtschaftsgebäude benötigte, aneignen wollte, fand er den ihm von seinem Vater bezeichneten Ort derart verwüstet, daß es ihm ganz und gar unmöglich war, jemals den Eingang der Höhle aufzufinden. Es blieben auch wirklich alle seine darauf gerichteten vielfachen Versuche vergeblich. Da erzählte er nun die Geschichte, wie sein Vater den Schatz der Stubenberger gefunden, seinen Nachbarn und auch dem damaligen Pfleger Josef Wieland von Stubegg und übergab letzterem die Schlüssel in Verwahrung, die seit dieser Zeit nebst vielen anderen Kuriositäten im Familienbesitze der Herren von und zu Stubenberg sich befinden.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911