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DER HIRTENKNABE UND DIE SCHWARZEN FRAUEN

Bei der nahe der steirisch-kärntnerischen Grenze gelegenen Ortschaft St. Margareten am Silberberge befinden sich mehrere Felsspitzen. Diese Zacken sollen schwarze Frauen sein, welche zuweilen Leben annehmen und dann vom Felsen herabsteigen.

In der Nähe dieser Felszacken weidete einmal ein Halterbub aus St. Margareten eine Herde Schafe. Während die Tiere grasten, blickte der Knabe unverwandt auf die Zacken und dachte an die schwarzen Frauen, von denen ihm die Großmutter öfters erzählt hatte. Mit einem Male schien es ihm, als ob sich die Zacken veränderten und bewegten. Die Sache kam ihm nicht ganz geheuer vor, und schon schickte er sich an, aus Furcht davonzulaufen, als plötzlich drei schwarze Frauen vor ihm standen. Diese waren sehr freundlich und sprachen so liebreich mit dem kleinen Jungen, daß dieser alle Furcht und Scheu verlor. Als aber die schwarzen Frauen ihn baten, er möchte ihnen sein schönstes Lämmchen schenken, da getraute er sich nicht, diesem Wunsche zu entsprechen; er fürchtete sich vor seinem Bauern, dem die Tiere gehörten, und der als der schlimmste Mann im ganzen Dorfe galt. Aber die schwarzen Frauen wußten so schön zu bitten und ihm so sehr jede Furcht vor Strafe auszureden, daß er sich endlich entschloß, ihrem Wunsche zu willfahren.

Der Knabe schenkte ihnen nun ein schneeweißes Lämmchen. Die drei schwarzen Frauen töteten es vor seinen Augen, nahmen das Fleisch, das Fell aber gaben sie dem Jungen zurück und sagten, er solle, wenn der Bauer wirklich den Abgang des Tierchens bemerken und darüber zürnen würde, das Fell nur in den Stall legen, wo früher das Lämmchen gestanden; es werde dieses bald wieder zum Vorschein kommen.

So war es auch. Der Bauer zankte den Halterbub tüchtig aus, weil eines der Schäfchen, und zwar gerade das schönste, fehle. Aber der Knabe nahm den Verweis ruhig und gelassen hin und sagte kein Wort, sondern legte das Fell an jener Stelle im Stalle auf den Boden, wo sonst das weiße Lämmchen zu stehen pflegte, und am nächsten Tage war das Tier wieder lebendig und ebenso munter wie sonst.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911