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DER ALBRER

Vor vielen Jahren schritt am Martini-Abende ein Jäger rüstig die Höhe eines der steirisch-kärntnerischen Grenzgebirge hinan und achtete nicht des heulenden Sturmes und heftigen Schneegestöbers. Er war früher Soldat gewesen und hatte als solcher sowohl in dunklen Nächten furchtlos als Posten auf Friedhöfen, als auch mutig im dichten Kugelregen und blutigem Schlachtengewühle dem Feinde gegenübergestanden. Er kannte keine Furcht vor Gefahren, noch weniger aber vor Gespenstern. Zurückgekehrt in seine Heimat, bespöttelte er den Aberglauben seiner ehemaligen Jugendgespielen und prahlte nicht selten, er fürchte kein Gespenst, selbst den Teufel nicht, und getraue sich, mit diesem anzubinden. Um nun den übrigen Burschen einen Beweis seines Mutes zu geben, beschloß er, die Martini-Nacht in einer Schwaighütte zuzubringen und den Albrer, einen gefürchteten Alpen- oder Berggeist, in seinem Treiben zu belauschen, der da in dieser Nacht in stillen, verlassenen Alpenhütten einkehren und darinnen die Geschäfte der Schwaigerinnen ansehen soll.

Immer dunkler wurde es um den Jäger her, je höher dieser den Berg hinanstieg. Ungefähr eine Stunde vor Mitternacht erreichte er eine Alpenhütte, in welcher nach dem Glauben der Dorfbewohner der Albrer sein Wesen trieb.

Nachdem der Jäger sich in der Hütte umgesehen, kramte er seine Tasche aus, legte ein Stück Käse samt Brot auf den Tisch, stellte dazu seine große, vollgefüllte Schnapsflasche und schürte am Herde ein Feuer an, das bald in hellen Flammen emporloderte und eine wohltuende Wärme verbreitete. Sodann setzte er sich an den Tisch, verzehrte einen Teil seines Käses und Brotes und tat dazu zeitweilig aus der Branntweinflasche einen herzhaften Zug, um sein frugales Mahl zu würzen; nächst dem Tische in der Ecke lehnte sein getreuer Stutzen, scharf geladen, und so erwartete er wohlgemut das Gespenst! Draußen aber um die Hütte heulte fürchterlich der Sturmwind, und losgerissene Steine rollten mit starkem Gepolter den Abhang hinab.

Plötzlich riß ein Windstoß die Hüttentür auf und löschte die Flamme auf dem Herde aus; dichte Finsternis umgab den Jäger. Ein Polterwerk entstand in der Hütte, als würden die einzelnen Gerätschaften umgeworfen werden. Da wich dem Jäger die Herzhaftigkeit; eiskalt rieselte es ihm über den Rücken, eine Bangigkeit überfiel ihn, und bald war er seiner Sinne nicht mehr mächtig. Als er wieder aufwachte, sah er sich außer der Hütte auf dem frischgefallenen Schnee liegen. Das Tosen des Sturmes war verstummt, und der Himmel glänzte in seinem heiteren Blau. Der Jäger versuchte sich aufzuraffen, was ihm aber nur mit Mühe gelang, denn er fühlte seine Glieder ganz zerschlagen. Als er wieder das Innere der Hütte betrat, fand er die Weinflasche geleert auf dem Tische stehen und die Gerätschaften durcheinander geworfen.

Bedenklich sein Haupt schüttelnd, betrachtete er die Verwüstung, welche der Albrer angerichtet hatte. Hastig griff er dann nach dem Stutzen, den von seinem Platze zu stellen, der Geist nicht gewagt hatte; und mit Riesenschritten ging's nun den Abhang hinunter dem Tale zu. Im Dorfe angelangt, erzählte er den Bewohnern, welche atemlos lauschten und ängstlich ein Kreuz nach dem anderen schlugen, sein Erlebnis in der Hütte und erklärte, nun die Existenz dieses Berggeistes, der sich an ihm wegen seines Unglaubens gerächt, nicht mehr bezweifeln zu wollen.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911