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DAS TRÄNENKRÜGLEIN

Im Hinter-Erzbergtale, am Fuße des Reichensteins, stand eine hölzerne Hütte, welche von einem jungen Weibe bewohnt wurde. Dieses hatte erst ihren Mann verloren und dann starb auch noch ihr Kind, kaum daß es das Licht der Welt erblickt hatte. Da war denn die Frau arm, recht arm, und sie weinte bitterlich. Eine gutmütige Nachbarin kam, sie zu trösten. Sie sagte ihr: "Man soll den Toten nicht nachweinen, wenigstens nicht zu viel, denn jede Träne, die man über das Maß um sie vergießt, tut ihnen wehe; die Verstorbenen finden dann im Grabe keine Ruhe, es sei ihnen, als müßten sie wieder zu ihren Angehörigen auf der Erde zurück."

Aber diese Worte machten wenig Eindruck auf die junge Frau. Wohl milderte sich ihr Schmerz um den Gatten, aber dem verlorenen kleinen Lieblinge weinte sie stets bittere Tränen nach. Sehr oft verließ sie ihre Hütte und ging nach Eisenerz, um hier am Grabe ihres Kindleins, welches auf dem die Pfarrkirche St. Oswald umgebenden Friedhofe zur ewigen Ruhe gebettet worden war, zu beten und zu weinen. Dies wollte sie auch in der hl. Christnacht tun. Als die Mutter nach der Christmette aus der Kirche ging und ganz allein in der Friedhofecke am schneebedeckten Grabe ihres toten Kleinen niederknien wollte, sah sie sich plötzlich dem Zuge der Frau Perchtl gegenüber und dabei ihr Kind, das, so zart es war, doch einen großen Krug mit sich schleppte.

Das Kind blickte die Mutter wehmütig an und sagte: "Mutter, liebe Mutter, weine nicht! Denn schau, ich muß alle deine Tränen in diesem Krüglein auffangen und mit mir herumtragen; nun kann ich's nicht mehr, denn ach, das Krüglein ist mir jetzt schon zu schwer!"

Da seufzte die Mutter und sagte: "Ich will nicht mehr weinen, liebes Herzchen!" Bei diesen Worten lächelte das Kind in überirdischer Glückseligkeit und verschwand dann. Die Frau Perchtl aber sagte: "Schönen Dank, gute Mutter! Du hast deinem ungetauft verstorbenen Kinde einen Namen gegeben und nun ist es erlöst." Und im nächsten Augenblicke schritt der Zug der Perchtl auch schon über das Felsgebirge des Pfaffensteins dahin.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911