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DAS KIND IM GANSSTEIN

Wenn man von Mürzzuschlag den Fluß abwärts dahin, schreitet, erblickt man zur Linken einen hohen Felsen, welcher der Gansstein genannt wird. In diesem Berge befindet sich eine Höhle, in welcher große Schätze verborgen sein sollen. Ein enger Felsspalt am linken Ufer der Mürz, aus welchem eine kleine, klare Quelle hervorsprudelt, bildet den Eingang zu dieser Schatzhöhle, welche von einem Geiste, dem Gansstein-Micherl, sorgsam gehütet wird. In gewissen Nächten, zuweilen aber auch bei hellem Tage, soll sich dieser Felsspalt erweitern, und man sieht dann an der Quelle den Geist, gewöhnlich in der Gestalt eines kleinen, grauen Zwergleins mit gutmütigem Gesichte, erscheinen. Von manchen ohne Verschulden in harte Bedrängnis geratenen Menschen um Hilfe angerufen, schleppte dieser Berggeist aus dem Innern der Höhle schwere Säcke Geldes auf dem Rücken herbei und beschenkte damit die Notleidenden; gar mancher Bauer im Tale und auf den Bergen des Mürzgaues verdankt ihm auf diese Weise noch von Großvaters Zeiten teer seinen Wohlstand. Aber so hilfreich der Geist wirklich Bedürftigen beistand, so schrecklich rächte er sich an jenen, die aus unlauteren Absichten ihn anriefen. Geizhälse neckte er auf eine grausame Weise, und solchen, die an ihn nicht glaubten oder seiner spotteten, erschien er in riesenhafter Gestalt; manche wollen ihn auch in der Tracht eines Steinbrechers gesehen haben.

Wer ohne des Geistes Wissen und Willen in das Innere des Berges gelangt, der kommt nicht mehr heraus, es sei denn, daß er etwas zurückließe, was er aber dann niemals wieder erhält.

Da lebte nun einmal in der dortigen Gegend eine Hammerschmiedin, die mit ihrer Lage nicht zufrieden war, sich anstatt ihres Kindes lieber ein besseres Leben und viel Geld wünschte, um ihre Gelüste befriedigen zu können. Einst in einer Christnacht ging die Frau, mit ihrem Kindlein auf dem Arme, nach Mürzzuschlag zur Kirche. Als sie zum Gansstein kam, bemerkte sie, daß sie vom richtigen Wege abgekommen sei. Sie glaubte, auf eine Irrwurzen getreten zu sein und infolgedessen sich vergangen zu haben; am Ende wußte sie gar nicht mehr, wo sie eigentlich war. Das Räuschen der Mürz, das sie früher so deutlich vernommen hatte, war plötzlich verstummt; im Walde, in den sie geraten war, bewegten sich kleine Lichtlein hin und her, und es wurde ihr ganz unheimlich. Endlich bemerkte die Hammerschmiedin in der vom Mondscheine beleuchteten Steinwand des Ganssteins eine Höhle, worin sich viele Schätze befanden; ein großer Karfunkel erhellte das Gewölbe, und in diesem standen zwölf große Fässer, alle mit blinkenden Dukaten vollgefüllt.

Als die Frau diese Herrlichkeiten sah, erwachten in ihr alle früheren heimlichen Wünsche. Sie trat in die Höhle, setzte ihr Kind auf einen Stein, füllte nun ihre Taschen und die Schürze mit Goldstücken an und verließ dann die Höhle, um schnell heimzueilen. Unterwegs erinnerte sie sich, daß sie ihr Kind in der Höhle gelassen habe, und eilte nun hastig zurück. Aber die Hammerschmiedin konnte die Öffnung nicht mehr finden. Jammernd irrte sie die ganze Nacht bis in die frühe Morgenstunde bei der Wand des Ganssteins herum und bat die Leute, welche zur Kirche gingen, ihr das verlorene Kind suchen zu helfen. Dieses war umsonst, die Mutter erhielt ihr Kindlein nicht mehr.

Bald darauf fand man in der Mürz den Leichnam der unglücklichen Hammerschmiedin; ihr Haar hatte sich fest um ein paar Baumwurzeln gewickelt. Das Kind im Felsen aber schreit oft um seine Mutter, wie es Leute, welche um die Mitternachtszeit beim Gansstein vorübergingen, gehört haben.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911