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DAS BLAUE TÜRL

Von dem eine kleine Viertelstunde vom Städtchen Oberwölz entfernten fürstlich Schwarzenbergschen Kohlenplatze im Schöttelgraben bemerkt man an der nordöstlichen Felsenwand des Gaistrumofens einen bläulich scheinenden Fleck, welcher sich durch seine dunklere Färbung vom übrigen Felsgestein auffallend abhebt und einem halbgeöffneten Tore gleicht. Dieser Fleck wird von den Bewohnern der Gegend das „blaue Türl" genannt und ist nach dem Glauben des Volkes der mystische Eingang zu einer großen Höhle, in deren Innerem unermeßliche Schätze aufgehäuft liegen. Massive Goldzapfen hängen von der Decke herab, die Wände funkeln und flimmern gar seltsam von den vielen und kostbaren Edelsteinen, mit denen sie bedeckt sind, und weiter hinten in der Höhle stehen drei große Wagen, der eine mit Gold, der zweite mit Silber und der dritte mit den größten und schönsten Diamanten, Rubinen, Smaragden und anderen kostbaren Edelsteinen beladen. Die mystischen Pforten dieser Zauberhöhle öffnen sich nur alle hundert Jahre, und zwar am Sonnenwendabende kurz vor dem Ave-Maria-Geläute und am Palmsonntage während der Passion; aber nur derjenige, welcher seine ganze Lebenszeit hindurch sich keine einzige Sünde, weder in Gedanken noch in der Tat, zuschulden kommen ließ und unbewußt zu solcher Zeit in die Nähe der Felswand kommt, sieht dann die Höhle offen, und er allein kann hierauf einen Teil des reichen Schatzes heben.

Ein Bauer in der Gemeinde Schöttel, welcher den Armen der Gegend viele Wohltaten erwiesen und, weil er keinem Dürftigen eine Bitte abgeschlagen, dadurch selbst in tiefe Armut geraten war, lagerte sich, von Kummer und Sorgen gedrückt, gerade an einem Palmsonntage in der Nähe des „blauen Türls". Etwas abseits von ihm rieselte eine kleine Quelle murmelnd durch das sanfte, den Rasen bedeckende Grün. Doch der Bauer hatte weder für die Quelle ein Augenmerk, noch gewahrte er, daß er sich in der Nähe des „blauen Türls" befand. Er überdachte nur seine traurige Lage, und es schmerzte ihn unendlich, daß er nun nicht mehr vermochte, die Armen und Hilfsbedürftigen zu unterstützen.

Plötzlich vernahm er eine geheimnisvolle Stimme, die ihm zurief "Hast das Bründl neben dir und waschst dich nicht!"

Der Bauer blickte nach der Seite hin, von welcher die seltsame Stimme gekommen, und sah die mystische Höhle offen. Voll Staunen starrte er in das Innere derselben; dann aber gedachte er des Sinnes der Worte, welche ihm die geheimnisvolle Stimme zugerufen, und sich erinnernd, daß er noch nicht Zeit gefunden, die übliche Reinigung des Gesichtes und der Hände durch Waschen vorzunehmen, blickte er ratlos suchend umher, ob ihm nicht in der Nähe irgendein Wässerlein die Gelegenheit dazu geben könnte. Endlich fand er die erwähnte Quelle, die, bisher von ihm unbeachtet, wie ein schmaler Silberstreifen durch das üppige Wiesengrün sich schlängelte.

Er eilte darauf zu, tauchte die Hände in die kristallene Flut und wusch sich das Gesicht. Indessen ertönten vom Turme der nahen Stadtpfarrkirche die Glocken und verkündeten, daß der Priester beim Altare die Passion beendet hatte. Mit lautem, weithin schallendem Gekrache schloß sich die mystische Pforte der wunderbaren Höhle. Dem Bauern aber fiel eine große Gerte aus purem, gediegenem Golde zu Füßen, und dieselbe geheimnisvolle Stimme, die er schon früher vernommen, rief ihm zu: "Zu spät! Hast's überseh'n!" Der Bauer baute aus dem Erlöse dieser goldenen Gerte den Kreuzaltar in der Spitalkirche St. Sigismund in Oberwölz und hatte seitdem wieder Glück; seine Wirtschaft ging rasch vorwärts, und er konnte bald nach wie vor den Armen der Gegend Gutes tun.

Einmal saßen beim vulgo Strohbauer auf der Sonnleiten Bauersleute und Gesinde bei Tisch zum Abendessen. Da blökte plötzlich ein Schaf vor der Haustür. Die Leute verwunderten sich darüber, denn das Vieh war ja schon in den Stall getrieben worden; es konnte also nur ein fremdes Tier sein, das sich hieher verlaufen hatte. Als das Tier des Bauers ansichtig wurde, begann es lauter zu blöken, als wollte es etwas sagen, und lief dann in der Richtung gegen das einige hundert Schritte entfernte "blaue Türl", dabei sich oftmals umsehend, gleichsam um sich zu überzeugen, ob der Bauer ihm wohl folge. Dieser wollte das zierliche Tierchen fangen, um es in den Stall zu sperren und dann, wenn er den Eigentümer ausfindig gemacht, demselben zurückzustellen. Allein das schlaue Tier wußte stets, so oft ihm der Bauer nahe war, zu entschlüpfen. Plötzlich sah dieser das "blaue Türl" vor sich, und zwar offen. Das Lämmchen lief blökend und mit freudigen Sprüngen in das Innere des Felsens; der Bauer aber blieb davor stehen und sah erstarrt durch das offene Wundertor in die geheimnisvolle Höhle, in der es gar seltsam glitzerte und funkelte von Gold, Silber und Edelsteinen. Lange blickte er verwundert auf all das Wunderbare, aber in die Höhle hinein getraute er sich nicht, obwohl das Lämmchen durch Blöken und Sprünge gleichsam andeuten zu wollen schien, er solle von den Herrlichkeiten sich etwas aneignen.

Da ertönte durch die Abendstille vom Kirchturme des nahen Städtchens das Ave-Maria-Geläute, und mit lautem Gekrache schlossen sich die Zauberpforten der Wunderhöhle. Der Bauer ging nach Hause und erzählte den Seinen, welche um sein Ausbleiben schon besorgt waren, was ihm begegnet und was er gesehen. Alles staunte und verwunderte sich darüber gewaltig, der "Moar" oder Großknecht aber sagte: "Heute ist ja Sonnenwendtag, und alle hundert Jahre öffnet sich an diesem Tage das "blaue Türl", wenn ein braver Mann in die Nähe kommt."

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911