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DIE FEINDLICHEN BRÜDER AUF SCHLOSS SCHIELLEITEN

Zwei Brüder, Radbold und Friedel von Schielleiten - südöstlich von Stubenberg erhebt sich das hochragende Schloß - waren die Herren eines stolzen Besitzes; mit ihnen erlosch das alte Rittergeschlecht der Schielleitner. Brudermord soll sein Ende herbeigeführt haben.

Lange Zeit lebten die beiden Brüder friedlich nebeneinander auf der Burg, obgleich sie von ganz verschiedener Wesensart waren. Radbold, der ältere, war ein finsterer, verschlossener und aufbrausender Charakter, Friedel, der jüngere, ein milder, leutseliger Herr, der bei dem Burggesinde und den Untertanen des Schlosses ungleich beliebter und angesehener war als sein düsterer Bruder.

Radbold verlobte sich mit der schönen Gisela von Herberstein, und viele heitere Feste wurden auf der Burg gefeiert. Das edle Fräulein aber wandte ihre Neigung bald mehr dem liebenswürdigen, fröhlichen Friedel zu. Als Radbold diesen Umschwung der Gefühle im Herzen seiner Verlobten bemerkte, verdüsterte sich sein Gemüt noch mehr, und Eifersucht und Haß auf den Jüngeren begannen in ihm Wurzel zu fassen. Sie steigerten sich bald zu ingrimmigem Zorn, als der ahnungslose Friedel auf einem Jagdritt die Braut des Bruders mit munteren Gesprächen unterhielt und das Fräulein unter fröhlichem Gelächter die Scherzreden ihres Begleiters anhörte. Radbold faßte den Verdacht, der Bruder wolle ihm die Verlobte abspenstig machen, und begann, von tödlichem Haß verblendet, auf Mittel und Wege zu sinnen, den jüngeren Bruder unschädlich zu machen. Er suchte Helfershelfer für seine schändliche Absicht zu gewinnen, aber niemand fand sich, der die Hand gegen den jüngeren Herrn erhoben hätte. Daher beschloß Radbold, die böse Tat selbst auszuführen und den vermeintlichen Nebenbuhler zu töten. Dieser aber war von ergebenen Leuten gewarnt worden und ging dem grollenden Bruder aus dem Weg. Er war der Meinung, dessen Zorn werde sich legen, wenn er eingesehen habe, daß sein Verdacht unbegründet sei.

Eines Abends hielt sich Friedel im Schloßhof auf und machte sich an dem großen Kessel zu schaffen, in dem ein kürzlich erlegter Eber gekocht werden sollte. Prasselnd schlug der Brand am Kessel empor, und kochendes Wasser sprühte zischend in die Flammen. Da nahte sich Radbold von rückwärts leise dem Bruder und warf ihn trotz allen Sträubens mit kräftiger Faust in den Kessel mit siedendem Wasser. Ungehört verhallte der laute Hilfeschrei des Überfallenen. Der junge Schloßherr nahm ein qualvolles Ende.

Gepackt von Entsetzen über seine eigene Tat, verließ Radbold die Stätte seines Verbrechens und schloß sich drei Tage in seinen Gemächern ein. Reue und Verzweiflung ergriffen sein Herz und ließen ihn Tag und Nacht nicht Ruhe finden. Als er wieder zum Vorschein kam, schien er um Jahre gealtert, sein Haar war ergraut, sein Auge erloschen, und schleppend war sein Gang. Er konnte die furchtbare Tat nicht mehr ungeschehen machen, aber sühnen wollte er sie und Buße tun.

Sein Entschluß war gefaßt. Er schenkte das väterliche Stammschloß samt allen Besitzungen dem Templerorden und machte sich, den Leib in rauhes Büßergewand gehüllt, auf den Weg ins Heilige Land. Kein Lebenszeichen von ihm gelangte mehr in die Heimat. Der letzte Herr von Schielleiten blieb verschollen und fand in der Fremde sein Grab.

Aber auch dort soll der Brudermörder keine Ruhe finden. Man erzählt, daß sein Geist als Schlangengespenst nächtlicherweile im Keller der Burg umherwandere. Und wenn ihm freundlich und versöhnend der Geist seines Bruders begegne, fliehe er klagend und jammernd davon. Dann dringe aus den Fenstern der alten Burg ein seltsamer Schein, und man könne einen langen Zug bärtiger Gestalten in weißen, mit rotem Kreuz geschmückten Gewändern durch die Hallen ziehen sehen, die mit dumpfem Gebet und schaurig ernsten Gesängen die Geister der unglücklichen Brüder zu bannen versuchen.


Quelle: Die schönsten Sagen aus Österreich, o. A., o. J., Seite 119