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DAS GNOMENKREUZ VON GAAL

In dem kleinen Gebirgsdorf Gaal bei Judenburg hauste einmal ein armer Holzhauer, der nichts besaß als eine kleine Holzhütte, die sehr ärmlich eingerichtet war. Sein Sinn stand nach Geld und Gut und eigenem Besitz, aber sein Arbeitslohn war so gering, daß er immer gerade nur zum Leben reichte.

Eines Tages ging der Mann in den Wald, um seine gewöhnliche Tagesarbeit zu verrichten. Auf dem Weg begegnete er einem Bauern, dessen Reichtum in der ganzen Gegend bekannt war. Mit Gott und der Welt hadernd, schritt er, ohne auf den Weg zu achten, unlustig in den Wald hinein. Aber auf einmal bemerkte er doch, daß er vom richtigen Weg abgekommen war und sich in einer wilden, ihm ganz unbekannten Gegend befand. Während er darüber nachdachte, in welcher Richtung wohl seine Arbeitsstätte liegen mochte, hörte er hinter sich ein Geräusch. Er achtete aber nicht weiter darauf; denn er meinte, es rühre von einem aufgescheuchten Wild her. Da zupfte ihn jemand am Rock. Erschrocken wandte er sich um, und sein Schrecken wuchs, als er hinter sich ein häßliches, buckliges Männchen mit struppigem rotem Haar und Bart stehen sah.

Das Männlein grinste den Holzhauer freundlich an und sagte: "Hab keine Angst, sondern komm mit mir; ich will dir etwas zeigen."

Als der Holzfäller die freundlichen Worte des Kleinen vernahm, verlor sich sein Schrecken, und er folgte dem Männlein. Dieses führte ihn in eine tiefe Höhle, die nur vom matten Schein eines Lämpchens, das von der Decke herabhing, schwach erhellt war. Im Hintergrund der Höhle waren mehrere Haufen glänzender Goldstücke aufgeschichtet. Auf diese Haufen hinweisend, sagte das Männlein: "Hier siehst du Geld in Hülle und Fülle. Nimm dir davon, stopfe dir alle Taschen voll und tue damit, was du willst, aber sage keinem Menschen, wie du zu dem Geld gekommen bist! Das Geld wird dir nie ausgehen, du wirst reicher sein als alle deine Nachbarn und kannst dir anschaffen, was dein Herz begehrt. Wenn du mich aber verrätst, ist dein Leben in meine Gewalt gegeben, und meine Strafe wird furchtbar sein."

Froh, auf so leichte Art zu Geld und Gut zu kommen, füllte der Mann seine Taschen mit Gold, versprach dem häßlichen Männlein alles, was es wollte, und eilte jubelnd nach Hause; denn plötzlich sah er auch wieder den richtigen Weg vor sich. Nun wollte er sich mit dem gewonnenen Reichtum zunächst einen guten Tag machen und ging ins Wirtshaus, um einmal nach Herzenslust zu schmausen und zu trinken. Die Wirtshausgäste, die ihn kannten, machten große Augen, als sie den armen Holzfäller mitten am Werktag in der Wirtsstube erblickten, und sie staunten noch mehr, als er sie übermütig einlud, an seinem Tisch Platz zu nehmen und mit ihm auf seine Kosten einen gemütlichen Trunk zu tun. Neugierig, wie er so plötzlich zu Geld gekommen sei, folgten sie seiner Einladung und forschten nach der Herkunft des Geldes. Aber noch dachte der Holzhauer an sein Versprechen und hüllte sich darüber in Schweigen. Aber als er einige Gläser Wein getrunken hatte, wurde er redseliger und plauderte endlich sein ganzes Geheimnis aus. Damit waren seine Gäste zufrieden, und einer nach dem andern machte sich auf den Heimweg, bis schließlich der Holzfäller allein übrig war und nun auch ans Heimgehen dachte.

Mühsam erhob er sich und ging seines Weges fiel aber in der Trunkenheit bald in einen tiefen Graben, der sich neben dem Weg hinzog; hier blieb er liegen und schlief seinen Rausch aus. Als er wieder erwachte, war es stockdunkel, es gelang ihm nicht, aus dem Graben herauszukommen. So kroch er auf Händen und Füßen im Graben weiter fort, bis er in der Ferne ein Licht aufblinken sah, das immer größer wurde. Endlich war er am Ausgang des Grabens und bemerkte, daß das, was er für ein Licht gehalten hatte, ein Feuer war, an dem starr wie ein Steinbild das rothaarige Männlein saß. Da fiel ihm ein, daß er das Verbot überschritten und das Geheimnis des Geldes verraten hatte; voll Angst wollte er davonlaufen. Aber es war zu spät; denn schon stand das Männlein neben ihm, wurde größer und größer, bis eine riesenhafte Gestalt sich drohend über ihn reckte und finsteren Blickes mit schrecklicher Stimme dem zitternden Holzhauer zurief: "Elender, du hast meine Güte mißbraucht; empfange deinen Lohn!" Mit diesen Worten packte ihn der Gnom, riß ihn in zwei Stücke und warf ihn ins Feuer. Darauf verschwand das Männlein.

Am andern Tage vermißte man den Holzhauer; man suchte in der Hütte nach ihm, sah ihn aber nirgends. Erst nach einigen Tagen fanden seine Kameraden zufällig die Asche seines verbrannten Körpers im Wald und begruben sie an Ort und Stelle. Zum Gedächtnis an diese schreckliche Begebenheit wurde auf dem gleichen Platz ein Kreuz errichtet, das noch heutzutage dort steht und von den Bewohnern das Gnomenkreuz genannt wird.


Quelle: Die schönsten Sagen aus Österreich, o. A., o. J., Seite 126