SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Steiermark

   
 

Die Wilde Jagd

Es ging ein Hirte spätnachts über den Berg.

Die Blätter des Waldes wispelten von Kobolden und Wichtein, und die Wellen des nahen Bründls murmelten von Nixen und Wassergeistern. Doch wer wie ein Hirte jahrein, jahraus im Freien ist, fürchtet sich nicht vor diesen Stimmen.

Der Hirte fürchtete auch die Geisterstunde nicht.

Er hatte ein gutes Herz und war an einem Sonntag geboren.

Unbeirrt durch die Stimmen, setzte er furchtlos Fuß vor Fuß und hielt den Blick geradeaus auf seinen Weg gerichtet.

Als er zum alten Stadel kam, fegte ein Windstoß über die Schindeln und trug ihm ein leises Winseln zu, das wie Kindergreinen klang.

Der Hirte griff rüstiger aus, denn schon blinkten in der Ferne die Lichter seines Heimatortes,- da wurde mit jedem Atemzug das Gewimmer in der Luft lauter. Das Säuseln des Windes schwoll zum Sturmgeheul.

Da wußte der Hirte, daß kein Rennen half, der Wilden Jagd ist noch keiner entronnen.

Es sind die Geister ehemaliger Jäger, die Mensch und Tier mißhandelt haben und nun zwischen Himmel und Erde zur Strafe für ihre Freveltaten vom Teufel in rastloser, stürmischer Unruhe durch die Lüfte getrieben werden, bis sie erlöst in ihre ewige Heimat eingehen dürfen.

Der Hirte bekreuzigte sich schnell und warf sich zu Boden. So hatten es die Altvorderen geraten, die noch Zwiesprache mit Holden und Unholden gehalten haben.

Da war auch schon das wütige Heer über ihm.

Es orgelte durch die Luft mit Gejohle und Gejaule, daß es dem Hirten in den Ohren dröhnte.

„Da liegt ein Stock, hier haue ich meine Hacke hinein!“ übertönte eine Stimme das Getöse.

Der Hirte verspürte einen stechenden Schmerz im Rücken, aber er wagte es nicht, auch nur einen Finger zu rühren, bis der gespenstische Zug über ihm in der Nacht verschwand.

Im Rücken stach und brannte es, als säßen hundert Teufel im Fleisch. Stöhnend und fluchend schleppte sich der Hirte in sein Heimatdorf. Es half kein Bader und kein Zauber, der Schmerz saß im Buckel und quälte ihn bei Tag und quälte ihn bei Nacht.

Nach Jahresfrist ging der Hirte zur gleichen Stunde denselben Weg. Vielleicht holte sich der wilde Jäger seine Axt?

Und wieder nahte das wütige Heer durch die Luft, und der Hirte warf sich auf derselben Stelle zu Boden.

Als der Spuk über ihn hinwegbrauste, hörte er den grölenden Jäger rufen: „Hier hab ich voriges Jahr meine Hacke in einen Stock gehauen,- da ist sie ja!" Und im Augenblick war der Schmerz dahin.

Quelle: Maria Pacolt, Die Goldene Leiter.
In: Annemarie Reiter (HG.), Grazer Sagen und Geschichten, Graz 1996, S. 156.