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Der Hexenritt in Maria Trost

Auf dem Kanzelaufgang der Wallfahrtskirche Maria Trost ist ein Reliefbild mit einer besonders eigenwilligen Darstellung zu sehen. Es zeigt einen Mann, der einen Heiligen auf einer Bildsäule anruft und ihm dabei seine Schuhe entgegenhält. Vom Heiligen gehen Strahlen der Erlösung aus, auf den Mann zu. Auf der gegenüberliegenden Bildseite reitet eine Hexe auf einer übergroßen Katze. In der Hand hält sie schwingend ein Tücherl dem Mann mit den Schuhen entgegen.

Es begab sich zu einer Zeit, als die jetzige Kirche zu Maria Trost noch nicht bestand. Der Bergrücken war höher als er heute ist und oben auf der höchsten Stelle stand das kleine Kirchlein St. Joachim und Anna. Am Bergfuß befand sich ein Bildstock, in dem ein Gemälde der Gottesmutter angebracht war. Eines Tages kniete dort ein junger Soldat aus Ungarn und betete zur Gottesmutter. Dann ging er den Berg hinauf zum Priester, der ein Pauliner-Mönch war. Diesem schilderte er den Grund seiner Andacht und weswegen er aus Ungarn hierher gekommen war: „Ich habe mich dieser Kirche verlobt, da ich verzaubert bin und hoffe, dass ich hier Erlösung finde!" Vor Jahren war der Soldat mit einigen Kameraden in einem ungarischen Wirtshaus zum Tanz eingekehrt. Da forderte ihn eine Zigeunerin, die gerade vom Tanz kam, auf, auch mit ihr zu tanzen. Er aber wies sie schmählich ab, indem er sagte: „Ah! Mit a Zigeunerin tanz i nit! Is mir load um die Schuach!" Erzürnt darüber sagte die Zigeunerin: „Wann du ah mit mir deine Schuach nit zusammentanzen willst, so wirst du künftig da koani Schuch hab'n!" Die Zigeunerin wandte sich ab und der Soldat merkte, dass ihm sein Sacktüchl fehlte. Zwei Tage später, der Soldat hatte den Vorfall bereits vergessen, waren auf unverständliche Weise die Sohlen seiner Schuhe durchgetreten. Er ließ sich neue Schuhe machen und siehe da, nach zwei Tagen waren die Sohlen wieder „luckert" und er wusste nicht, wie es dazu kam. Da erinnerte er sich, dass ihm sein Sacktüchl fehlte und dies nur von der Zigeunerin gestohlen worden sein konnte. Mit diesem Sacktüchl gelang es ihr, dem Soldaten das Übel der „luckerten Sohlen" anzuzaubern. Er ließ sich neue, stärkere Sohlen machen, die genauso schnell kaputt waren. Jetzt ließ er sich Sohlen aus Holz und Eisenblech machen, die ebenfalls nur zwei Tage hielten. In seiner Not ging er nun nach Graz zum hl. Joachim und zur hl. Anna, um hier um Hilfe zu beten. Denn nur hier in seiner steirischen Heimat konnte er sich Hilfe erhoffen.

Der Priester führte ihn hinab in die Kirche zum Hochaltar. Plötzlich ritt die Zigeunerin als Hexe auf einer Katze über den Berg hinauf und in die Kirche hinein. In der Hand hielt sie das Sacktüchl, das sie dem Soldaten übergab, wonach der Soldat vom Zauber erlöst war. In einer anderen Sage heißt es:

Auf einer fliegenden großen Katze reitet eine Zigeunerhexe. Sie wirft ihrem früheren Geliebten ein Taschentuch zu, das sie ihm beim letzten Tanz entwendet hat mit der Drohung, dass sich an seinen Schuhen keine Sohle mehr halten wird. So geschah es auch, bis er einen mit eisernen Sohlen beschlagenen Schuh opferte.

Quelle: Johann Schleich (Hg.), Der steirische Sagenschatz, Graz 1999, S. 385.