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266. Der Wassermann vom Grundelsee. a)

Die Höhen sind so licht und rein.
Die Bergseen wirken
Und weben ihren Nebelreih'n
Im Schatten junger Birken
Um Felsen und Gestein.

So ein Morgen mags gewesen sein, als vor vielen, vielen hundert Jahren die armen Bergler vom Gößl ihre Angel nach der flinken Forelle im Grundelsee auswarfen. Wer war glücklicher, als das arme Völklein um den See - wo die alte Treue heimisch wohnt, wo sich die Falschheit noch nicht hingefunden -, vielleicht auch heute noch nicht! Doch Eines ging diesen Menschen nicht ein, daß sie ihr Salz von Hallstadt herauf beziehen mußten, „Warum soll nicht auch in unseren Bergen sich Kern *) finden!“ g'scheidtelten **) sie.

Da plätscherte das Wasser auf einer Seite ihres Einbäumels ***) empor und es erschien das Gesicht eines Mannes; ganz wasserförmig flossen ihm die Locken um seinen Nacken. Voll Mitleid zogen ihn die Fischer in den Nachen, ließen ihn aber vor Schreck fallen, als sie sahen, daß er keine Füße, sondern fischartiges Untergestell habe. Der Wassermann schädigte sich dabei und wurde etwas ungehalten darüber; doch, als sie mitleidig ihn mit Wasser übergossen, wurde das Halbmännlein redselig! „Wißt Ihr, mein süßes Element wird säuerlich und gibt Erwerb Euch Allen; in Euren Bergen lagert Kern, salzhandig rint's her und bei den zwei Seetraunen rauchts!“ Ruck ****) gab sich das Männlein einen Schneller und war im Wasser. Lachend sagte es: „Bei saurer Arbeit werdet Ihr nicht übermütig werden!“ und verschwand. Aus dem Wasser aber drang es immer schneller und leiser: „Salzhandig, salzhandig –“ bis die Fischer aus einem Munde riefen: „Sandling, Saudling, meint er.“

Und so ward es. Seitdem ist das salzgesättigte Wasser vom Sandlingberg, das Element des Wassermannes, der Ausseer Brod und Leben.

Roman Köberl.

*) Kern - Salz.
**) G'scheidteln - grübeln.
***) Einbäumel - Schiff oder Nachen, aus einem Stamme gehöhlt.
****) Ruck = gäh.

Quelle: Johann Krainz, Mythen und Sagen aus dem steirischen Hochlande, Bruck an der Mur 1880.
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