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263. Die Wasserjungfern.

Das Becken des Kammersees im steirischen Salzkammergute war früher die Badewanne der Wasserjungfern. Wohl nicht leicht sah sie das Auge eines Sterblichen, es sei denn ein Jäger, ein Wildschütze, der der flüchtigen Gemse nachpürschte. Wehe ihm, wenn er das Auge nicht zu Boden schlug!

Als der kühne Menschengeist vordrang und im Jahre 1492 den Kammersee mit dem Töplitzsee durch einen tiefen Felsenkanal verband und in den umliegenden Forsten die Schläge der Holzaxt widerhallten, wurde das Becken entweiht. Die Wasserjungfern zogen sich für immer in die Felsenhöhlen zurück, und das Glück schwand seitdem mehr und mehr aus dem Tale. Nur Begnadete sahen dieselben noch öfter am Geklüfte, dem der murmelnde Schleierfall entquillt, mit tiefer Trauermiene.

Roman Köberl.

Quelle: Johann Krainz, Mythen und Sagen aus dem steirischen Hochlande, Bruck an der Mur 1880.
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