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253. Die „Habergais“. (Habergeiß)

Ein mutwilliger Knabe ging eines Abends spät nach Hause, Um sich die Zeit zu vertreiben, stieß er allerhand Rufe aus; so schrie er u. A. auch „mäh — mäh — mäh,“ Da ertönte der gleiche Ruf, jedoch in unheimlicher Weise, aus dem nahen Walde. Der Knabe, welcher den Wiederruf für Echo hielt, ergötzte sich daran und wiederholte denselben. Abermals folgte die Antwort; als er aber das dritte Mal den Ruf ausstieß, kam ein gespenstisches Tier mit einem riesengroßen gehörnten Ziegenkopfe, befiederten Vogelleib und drei Füßen daher gehüpft und verarbeitete den Knaben jämmerlich, so daß dieser halbtot nach Hause kam. Es war dies die „Habergais“, welche Jeden, der ihrer spottete, schrecklich zerzaust.

(Aus dem Mürztal).

Die „Habergais“ macht in den Mondnächten den Hafer schwarz, setzt sich dem nächtlichen Wanderer auf die Achsel und bläst ihm den Tod in die Ohren. Trotz ihres riesengroßen Kopfes kommt sie oft durch das Schlüsselloch und gespenstert in der Nacht im Hause umher und drückt die Schlafenden, indem sie ihnen den schweren Kopf auf die Brust legt.

Um sich gegen die „Habergais“ (und auch gegen die Hechsen) zu schützen, werden häufig am „Heiligenkrenztag“ *) aus den am Palmsonntage geweihten Weiden Kreuzlein geschnitten und an die Türe genagelt.

Aus Peter Rosegger
„Sittenbilder aus dem steirischen Oberlande.“

*) Heiligenkreuztag, d. i. der 3. Mai (Kreuzerfindung.)

Quelle: Johann Krainz, Mythen und Sagen aus dem steirischen Hochlande, Bruck an der Mur 1880.
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