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269. Auffindung des steirischen Erzberges.

Wenn man vom heutigen Markte Eisenerz den Erzbach durch das Münnichtal hinaus verfolgt, so verengert sich da, wo der Bach des Leopoldsteinersees herabrauscht, das Tal zwischen den himmelhohen kantigen Felswänden zu einer engen, kalten Schlucht. Rechts, hart neben der Straße, an der Wurzel der nördlichen Steinwand erblickt man eine grottenartige Vertiefung und manchmal das Spiel schwarzer Fische in dem dunklen Wasser am Boden der Schlucht.

Einst, tausend Jahre vor Christus, zu König Davids Zeiten soll es gewesen sein, bemerkten die Bergbewohner eine seltsame Menschengestalt aus jenen Höhlenfluten öfters auftauchen und an der Sonne sich gütlich tun. Sie beschlossen, dieses Geschöpf, das sie für einen sogenannten Wassermann hielten, zu fangen, und in der Voraussicht, daß sie dessen schlüpfrigen Fischleib mit den Händen nicht fest halten könnten, gelang ihnen die ausgesonnene List, und sie bekamen den durch Speise und Trank betäubten und in die, innen mit Pech beschmierten Kleider, verwickelten Wassermann wirklich in ihre Gewalt. Voll Freude über ihren Fang führten sie ihn nun taleinwärts. Schon waren sie an die Stelle gekommen, von welcher man, von Hieflau heraufkommend, zum ersten Mal den Erzberg erblickt und wo nun nicht weit vom Schlosse Leopoldstein ein gemauertes Wegkreuz steht.

Von hier wollte der Wassermann nicht weiter; er sträubte sich mit Macht gegen seine Führer, jammerte, daß er einen verdächtigen Besuch bei seinem Weibe gewahre, und bot hohe Geschenke für seine Loslassung an: „Laß hören“, sprachen die Bergleute, „was du uns bieten kannst!“

Darauf erwiderte der Wassermann: „Wählt: Einen goldenen Fuß, ein silbernes Herz, oder einen eisernen Hut! Gold aber währt nur kurze Zeit, Silber nicht lange, Eisen jedoch soll ewig dauern! Wählt nun!“ „Den eisernen Hut, ja, den wählen wir, den zeig uns an!“ riefen die Bergmänner, „Sehet, dort steht er, dort ist jener Berg, der Euch Eisenmetall für eine Ewigkeit geben wird!“ sagte der Wassermann und wies hin auf den nicht fernen Erzberg.

Seine Andeutung ward als Wahrheit erprobt, worauf er nach seinem Verlangen wieder zur Grotte zurückgebracht und in die schwarze Flut hinabgesenkt wurde. Da bebte das Felsenland rund umher, aus der Tiefe quoll Blut herauf, und mit Hohngelächter erscholl eine Stimme, daß man um das Beste erst noch nicht gefragt habe, um die Bedeutung des Kreuzes in der Nüsse, und um den Karfunkelstein!

Nach der Volksvorstellung nämlich hätte der hellstrahlende Karfunkel den Bergmännern in den dunkeln Schachten für ewige Zeiten ein natürliches und nicht kostspieliges Grubenlicht gegeben. - Was der Wassermann mit dem Kreuze in der Nüsse habe andeuten wollen, weiß man mit Bestimmtheit nicht zu entziffern; man glaubt, er hätte damit Aufschlüsse auf den Gebrauch und den Nutzen des Kompasses für den Bergbau geben wollen.

Nie nachher habe man diesen Wassermann weder in jener Grotte noch im Leopoldsteinersee erblickt.

Dr. Albert v. Muchar:
„Der steiermärkische Eisenberg, vorzugsweise der Erzberg genannt."
(Steierm. Zeitschrift N. F. V. Jahrgang 1. Heft)

Quelle: Johann Krainz, Mythen und Sagen aus dem steirischen Hochlande, Bruck an der Mur 1880.
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