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11. Wunder und Erscheinungen

In der ganzen Welt berichten Sagen und Legenden von Wundern und Erscheinungen von Engeln, Göttern, Geistwesen oder Heiligen, so auch im Hinterbergertal. Den Hinterbergern erscheint fast ausschließlich Maria, die Muttergottes, bzw. wirkt diese durch Bildstöcke mit ihrer Darstellung Wunder. Bei wertfreier Betrachtung der alpinen Volksfrömmigkeit fällt auf, dass weibliche Heilige eine deutliche größere Rolle in der Alltagsreligiosität spielen, als die männliche Dreifaltigkeit, hier am prominentesten Maria sowie die „heiligen drei Madln“. Die Erklärung dafür liegt einerseits im religiösen Bedürfnis nach Schutz, Geborgenheit, Heilung, Fruchtbarkeit, etc. Diese Fähigkeiten trauen alle naturverbunden lebenden Menschen der Welt eher den „mütterlichen“ weiblichen Gottheiten zu. Andererseits war diese Art der Verehrung weiblicher Gottheiten ja in vorchristlicher, keltischer Zeit selbstverständlich, so dass das ländliche Christentum im Prinzip die gleiche Form der Religiosität übernahm, nur den göttlichen Helferinnen andere Namen und eine für die ländlichen Laien ohnehin uninteressante andere theologische Erklärungstheorie verpassten. Andernfalls hätte sich das Christentum wohl nicht durchgesetzt, denn die Bibel konnte fast niemand lesen, Kirchen und Priester waren rar (bis ins 14. Jahrhundert gab es nur eine Kirche in Pürgg!) und die römischen Dogmen und theologischen Gebote waren den meisten Menschen im Detail unbekannt. Anhand der aus keltischer Zeit noch vertrauten Verehrung von Göttinnen und Heiligen an besonderen Orten in der Natur fiel es den Menschen leichter, die neue Religion zu akzeptieren und in ihren Lebensalltag zu integrieren.

Im Gegensatz zu Maria kommt Jesus nur dreimal indirekt am Kampl vor, wo durch die Einritzung seines Namens (meist in Form des IHS-Monogrammes) in das Gras Rettung für Verirrte gewährt wurde. Diese Geschichten könnten auch volkstümliche christliche Lehrstücke sein, mit einer symbolischen Darstellung von Christus als Retter in den Irrungen unseres Alltages. Auffällig ist nur, dass alle drei Rettungen aus Verirrung am Kampl bzw. Rötelstein (=westlicher Teil des Kampl-Bergstockes) vorkommen, und dies sonst nirgends im Hinterberg überliefert wird. Da der Kampl auch Schauplatz einer Schöpfungssage mit einem Riesen ist, könnte dies möglicherweise auf eine schon vorchristliche religiöse Bedeutung des Kampl hindeuten, zumal dort auch von einer verborgenen Goldquelle die Rede ist, in vergangenen Jahrhunderten zeitweise Eisenerz abgebaut wurde, Fossilienfundstätten mit Meerestieren sowie kleine Salzvorkommen bekannt sind, drei Marienerscheinungen stattgefunden haben und bis heute eine jährliche Bergmesse beim „Jesu Namen“ in der Seidenhofalm stattfindet. Alles Attribute für einen typischen „heiligen Berg“, wenn auch nicht in jener mythischen Intensität der Sagenüberlieferung wie beim Grimming. Möglicherweise gab es über den Kampl früher mehr Sagen, die nur einfach wegen der abgelegenen Lage des westlichen Hinterbergertales nie von Volkskundlern aufgezeichnet wurden, und so verloren gegangen sind.

Quelle: Sagenhaftes Hinterbergertal, Sagen und Legenden aus Bad Mitterndorf, Pichl-Kainisch und Tauplitz vom Ende der Eiszeit bis zum Eisenbahnbau, Matthias Neitsch. Erarbeitet im Rahmen des Leader+ Projektes „KultiNat“ 2005 – 2007.
© Matthias Neitsch