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3.4 Woher kommen Sagen?

Sowohl Herkunft und Entstehung der Sagen als auch deren Entwicklung und Veränderungsprozesse im Laufe der Geschichte liegen völlig im Dunkeln. Wohl gibt es zahlreiche Theorien, die von vielen Indizien und Hinweisen gestützt werden, auch liefern vor allem interkulturelle und historische Vergleiche, vor allem mit historischen Schriftquellen, zahlreiche Spuren und Anhaltspunkte, wissenschaftlich beweisen können wir allerdings leider herzlich wenig. Dennoch werde ich im folgenden in aller Kürze meine „Sagentheorie“ darlegen, obwohl ich weiß, dass diese nicht immer „wissenschaftlich“ ist. Ich glaube aber, dass ich dies den Lesern im Sinne einer Nachvollziehbarkeit meiner Interpretationen schuldig bin. Ausserdem möchte ich für interessierte Laien zumindest die Möglichkeit einer Orientierung und Einordnung innerhalb der geheimnisvollen und schwer verständlichen Symbolsprache der Sagen bieten.

Vergleiche mit keltischen Mythen, die von irischen Mönchen des Frühmittelalters schriftlich aufgezeichnet wurden, zeigen immer wieder beeindruckende Ähnlichkeiten mit in ganz Mitteleuropa verbreiteten Sagenmotiven. „Das Keltische“ dürfte im wesentlichen eine europäische bronzezeitliche Kulturepoche mit sehr unterschiedlichen Völkern, aber verwandten Sprachen gewesen sein, deren Einflüsse und Nachwirkungen in der europäischen Kultur bis heute identifizierbar sind, trotz der dominanten römischen Prägung unserer modernen Kultur. Das Verbreitungsgebiet der keltischen Kultur dürfte fast ganz Europa umfasst haben, lediglich die südlichen Teile von Spanien, Italien und Griechenland, die Mittelmeeinseln, Nord- und Nordosteuropa sowie Osteuropa östlich des Karpatenbogens dürften keine oder wenig als „keltisch“ zu klassifizierende Geschichte aufweisen.

Die keltischen Kulturen waren den mediterranen Kulturen in jeder Hinsicht ebenbürtig, lediglich ein interessantes Merkmal unterschied sie von den meisten anderen Hochkulturen: Sie verwendeten keine Schrift, obwohl sie über zahlreiche Handelskontakte durchaus fremde Schriften aus dem Mittelmeergebiet kannten. Offensichtlich hatte dies religiöse Gründe, denn schriftliche Überlieferung dürfte geradezu als Frevel angesehen worden sein, während die fehlerfrei auswendig rezitierte mündliche Überlieferung der umfangreichen Mythen in Form von Versen und Liedern in den Druidenschulen zu kultureller Hochblüte gebracht wurde. Barden und Fili, die Absolventen der Druidenschulen, verbreiteten die Mythen und Heldenepen in ganz Europa. Reste dieser Tradition dürften bis ins Mittelalter und vereinzelt bis in die Neuzeit durch fahrende Sänger, Sagen- und Märchenerzähler gepflegt worden sein und erst durch die letzten Wellen der Christianisierung der inneralpinen Regionen (zeitgleich mit der großen Welle von Kirchenbauten und dem Ende der Hexenverfolgungen im Spätbarock) großteils abgerissen sein. Dennoch waren bis Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts im Ostalpenraum noch Märchenerzähler bekannt, von denen auch Karl Haiding noch berichtet, allerdings waren dies keine „hauptberuflichen“ Erzähler mehr. Auch Wolff berichtet noch von ladinischen „Cantastories“ (fahrenden Spielmännern), die Sagen oft in Verbindung mit Musik oder in Form von Liedern vortrugen, und noch bis Ende des 19. Jahrhunderts aktiv waren. Die rätische Bezeichnung der Sagenerzähler war „Filip“ oder „Filipa“ (pl. Filipes), was an die keltischen „Fili“ der Druidenschulen erinnert, offensichtlich gibt es hier eine gewisse kulturelle Kontinuität des Sagenerzählens (Wolff, Dolomitensagen, 1989).

Nach dem Verschwinden der keltischen Druiden, Barden und Fili – im Ostalpenraum dürfte dies in den meisten Regionen im Zuge der römischen Besetzung des keltischen Königreiches Norikum, spätestens jedoch in der Völkerwanderungszeit stattgefunden haben - konnte sich die lokale Bevölkerung nur noch bruchstückhaft an die epischen Rezitationen der Barden und die großen kultischen Rituale an keltischen Tempeln, Quellheiligtümern und sonstigen Kultplätzen erinnern und gab diese mehr und mehr schwindenden Erinnerungsbruchstücke an die folgenden Generationen weiter. Obwohl die Nachfahren der Barden und Fili als fahrende Spielleute und Sänger weiterhin für die Aufrechterhaltung der Erzähltradition und die überregionale Verbreitung der überall gleichen Sagenmuster sorgten, ging die Verankerung der Sagen im praktizierten religiösen Alltagsleben immer mehr verloren, da ja die zentrale Pflege der Mythen und Kulte durch die Druiden fehlte.

Im Laufe der Weitergabe erfuhren die Geschichten aufgrund der nunmehr dominanten christlichen Religion römischer Prägung zahlreiche Veränderungen, Vermischungen und Neuinterpretationen, weil sonst der Widerspruch der alten Überlieferung mit der dominanten christlichen Kultur immer auffälliger, für die Menschen unverständlicher und unerträglicher geworden wäre. Dazu kamen noch zahlreiche weitere kulturelle Umbrüche, die über die Bewohner der Ostalpen hereinbrachen, insbesondere die langsame, teils gewaltsame Überlagerung durch die bajuwarische Kultur, was letztlich zur Annahme der deutschen Sprache durch die früher vermutlich großteils slawisch sprechenden Ostalpenbewohner führte.

Das Christentum setzte sich im Hinterbergertal erst vor etwa 1000 Jahren durch, die vollständige flächendeckende und alles „heidnische“ verdrängende Katholizierung römischer Prägung wohl erst um 1300. Weitere das Erzählgut prägende Einschnitte waren die konfessionellen Wirren am Übergang des Spätmittelalters zur Neuzeit und schließlich die Zeit der Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit, wo auch letzte Reste nichtchristlicher Volkskultur entweder gnadenlos ausgemerzt oder – im Falle des Rauhnachtsbrauchtums – unter christlichem Verputz versteckt wurden. So wurden schließlich viele einst positive Sagengestalten dämonenhaft entstellt, was besonders im Fall der Wilden Jagd sehr auffällig ist, deren Aussehen in höchst unterschiedlichen, einander widersprechenden Versionen überliefert ist, von der segenspendenden Percht mit ihrem Gefolge unschuldiger (Kinder-) Seelen bis hin zum Teufelszug dämonischer Spukgestalten.

Interessant sind die Übereinstimmungen zwischen Sagen und Volksbrauchtum. Dies betrifft sowohl rein heidnisches Brauchtum wie etwa das Rauhnachtsbrauchtum, als auch christlich beeinflusstes Brauchtum, das sich besonders in bestimmten Formen der alpinen katholischen Heiligenverehrung wiederspiegelt, die ziemlich nahtlos an römerzeitliche Kulte anknüpfen, welche im Alpenraum wiederum auf keltischen Vorläufern basieren.

Meiner Ansicht nach sprechen alle Indizien dafür, zumindest den größten Teil unserer alpenländischen Sagen als „letzte Reste“ einst wesentlich umfangreicherer religiöser Mythen und Erinnerungen an die damit zusammenhängenden, an bestimmte Örtlichkeiten gebundenen, aber im ganzen Alpenraum sehr ähnlichen Kulthandlungen zu interpretieren. So könnten Sagen, die mit bestimmten „Felsentoren“, Quellen, Felsformationen oder Hügeln verbunden sind, auf prähistorische Kultplätze hinweisen. Sagen von der Wilden Jagd, den Wildfrauen, Bergmandln, Riesen und von den reichen Schätzen in bestimmten Bergen spiegeln vorchristliches Glaubensgut wieder, das sich in ähnlicher Form in den oben erwähnten keltischen Mythen findet. Viele sagenhafte Begebenheiten erinnern an keltische Heldenmythen.

Auch die Tatsache, dass in vielen alpinen Regionen – so auch im Hinterbergertal - jeweils immer das gleiche Grundreportoire an Sagen vorhanden ist, das nur an die örtlichen geografischen, historischen und sonstigen Gegebenheiten angepasst ist, spricht für die Theorie der Überlieferungsreste keltischer Mythologie und vorchristlicher Kulthandlungen.

Ich wage aus allem bisher gesagten den Schluss zu ziehen, dass Sagen als wichtige Quellen für die Geschichtswissenschaft dienen könnten. Beispielsweise müsste es der Archäologie möglich sein, an Sagenschauplätzen, die auf kultische Handlungen hinweisen, entsprechende Spuren, etwa bronze- und römerzeitliche Votivgaben zu finden – wie dies in zahlreichen Fällen bereits belegt ist. Auch könnte der Vergleich irischer und walisischer Mythen aus frühmittelalterlichen Schriftüberlieferungen, alpenländischen Sagenüberlieferungen und alpinem Volksbrauchtum interessante neue Aspekte für die Volkskunde eröffnen. Auch historische Forschungen, insbesondere über die Kulturgeschichte der Ostalpen zwischen der Keltenzeit und dem Hochmittelalter könnten durch die Einbeziehung der Sagenforschung bereichert werden. Letztlich erhält auch das Verständnis der regionalen kirchengeschichtlichen Besonderheiten der Ostalpen wertvolle Impulse, sind doch die zahlreichen Wallfahrtsorte, Marterln und Kapellen mit ihren sehr spezifischen Heiligenverehrungen ähnlich wie in Frankreich, Irland und der Bretagne sehr auffällige Reste vorchristlicher Volksfrömmigkeit, die in dieser Form von der römischen Kirche nicht vorgegeben wurde.

Quelle: Sagenhaftes Hinterbergertal, Sagen und Legenden aus Bad Mitterndorf, Pichl-Kainisch und Tauplitz vom Ende der Eiszeit bis zum Eisenbahnbau, Matthias Neitsch. Erarbeitet im Rahmen des Leader+ Projektes „KultiNat“ 2005 – 2007.
© Matthias Neitsch