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4.6 Die Wildfrauen vom Reithartl Kogel

Nördlich von Mitterndorf liegt der Reithartlkogel, ein felsiger Berg, der an der Westseite senkrecht abfällt. Auf dieser Seite ragt eine markante Felsnadel turmartig in die Höhe, genannt der „Wildfrauenturm“ oder „Jungfrauenturm“. Vor vielen Jahren wohnten dort die Wildfrauen.

Die Wildfrauen waren sonderbare Wesen. Ihre Gestalt glich den gewöhnlichen Menschenkindern, anstatt des Rückens jedoch hatten die Wildfrauen eine muldenförmige Vertiefung. Blondes, fliegendes Haar umrahmte ihr marmorbleiches Gesicht, und ein dunkles Kleid umwallte ihre Glieder. An sonnenhellen Tagen wuschen sie ihr Gewand im nahen Bächlein und hingen es an unsichtbaren Fäden zum Trocknen auf. An solchen Tagen konnte man weithin ihren zarten, melodischen Gesang vernehmen, und manch einer blieb lauschend stehen und horchte mit Entzücken dem wundervollen Gesang.

Die Wildfrauen waren harmlose Geschöpfe, Bosheit und Tücke waren ihnen ganz fremd und sie besassen auch keine heimlichen Schätze. Sie liebten die Menschen überaus und wollten sich gerne zu diesen gesellen, um ihnen Gutes zu erweisen, aber eine eigentümliche Scheu und ihre Armut hielten sie davor zurück. In den Arbeiten der Menschen waren sie wohlbewandert, und wenn die Leute vom Reithartl-Hof, der ganz in der Nähe lag, um die Mittagszeit ihre Sicheln hinlegten und den Roggenacker verließen, gleich waren die Wildfrauen da, nahmen die Sicheln auf und schnitten emsig das Getreide. Sobald die Leute wieder auf das Feld zurückkehrten, verließen die Wildfrauen den Acker und versteckten sich scheu in ihrem Turm.

Überaus gern spielten sie mit kleinen Kindern, und oft bot sich ihnen Gelegenheit dazu. Das alte Mütterchen beim Reithartl mußte, weil es auf dem Felde nichts mehr arbeiten konnte, zu Hause bleiben und die Kinder beaufsichtigen. Wenn dann die Kleinen auf dem Grasboden vor dem Haus schliefen, nickte dann gewöhnlich auch das Mütterchen ein. Kaum bemerkten dies die Wildfrauen, schlichen sie sich leise herbei, herzten und küßten die Kinder wach und spielten liebevoll und voll Zärtlichkeit mit ihnen. Wenn aber dann die Kleinen vor Freude jauchzten und zappelten, wußten sich die Frauen schier nicht zu fassen vor Freude und Wonne. Leider währten diese frohen Augenblicke nur kurze Zeit; denn sobald die Alte erwachte und die Augen öffnete, flohen die Frauen voll Furcht und Bangen davon.

Obwohl die Wildfrauen keinem Menschen etwas zuleide taten, gab es doch mutwillige Burschen genug, die ihnen allerhand Böses antaten. So bewarfen sie deren Kleider, wenn diese zum Trocknen ausgehängt waren, mit Schlamm oder zogen lärmend und schreiend und Spottlieder singend um den Turm herum. Solche Bosheiten vertrugen die harmlosen Wildfrauen nicht. Weil sie sich weder rächen konnten noch wollten, verließen sie auf immer diese Gegend.

 

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde auf dem Reithartl-Hof (ursprünglicher Hofname: Leonhart im Reith) noch Getreide angebaut und von Hand geschnitten. Damit waren etwa 7 bis 8 Schnitterinnen beschäftigt, denen die Sage der Wildfrauen noch geläufig gewesen sein muss, denn sie scherzten öfter, dass sie wieder einmal zur Jause ins Haus gehen müssten, damit die „Kogeljungfrauen“ für sie das Getreide fertig schnitten. (Auskunft von Hans Steinbrecher, vlg. Reithartl, geb. 1924, der diesen Teil der Sage noch kannte; Bad Mitterndorf, 2006)

Die Wiesen auf der Südseite des Reithartlkogel dürften möglicherweise auch archäologische Spuren bergen, denn nach Auskunft von Hans Steinbrecher hatte er dort beim Drainagieren öfter alte verrostete Metallgegestände, insbesondere Hufeisen, ausgegraben.

Quelle: Sagenhaftes Hinterbergertal, Sagen und Legenden aus Bad Mitterndorf, Pichl-Kainisch und Tauplitz vom Ende der Eiszeit bis zum Eisenbahnbau, Matthias Neitsch. Erarbeitet im Rahmen des Leader+ Projektes „KultiNat“ 2005 – 2007.
© Matthias Neitsch