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Vorwort

Alte Volkssagen im 21. Jahrhundert - wen interessiert das noch? Das „x-te“ Sagenbuch mit steirischen Volkssagen – haben wir das auch noch gebraucht? Berechtigte Fragen – und es gibt eindeutige Antworten:

Als frei praktizierender „nebenberuflicher“ Sagenerzähler und Vater zweier Töchter erlebe ich seit Jahren immer wieder, wie verzaubert Kinder von der mystischen Welt der Sagen sind und wie begierig sie trotz spannender Computer- und Handy-Spiele und anderer Attraktionen dem frei und lebendig erzählenden Sagenerzähler lauschen. Kinder, die von mir schon Sagen gehört hatten, wollten nach einem Jahr die gleichen Sagen wieder hören, es kam sogar schon vor, dass ihnen leichte Unterschiede in der Erzählung zum vorigen Mal auffielen. Auch die Faszination vieler Erwachsener blieb mir trotz scheuer Verheimlichungsversuche nicht verborgen. Es muss also eine eigenartige Anziehungskraft in alten Volkssagen geben, die Zeiten, Kulturen, Lebensstile, Medientrends und Konsumgewohnheiten überdauert und Kinder und Erwachsene gleichermaßen in ihren Bann zieht.

Das Besondere des vorliegenden Sagenbuches ist es, den Sagenschatz der vergleichsweise kleinen ostalpinen Region des Hinterbergertales im steirischen Salzkammergut (Bezirk Liezen) mit nur drei Landgemeinden (Bad Mitterndorf, Pichl-Kainisch und Tauplitz) und nicht einmal 6000 Einwohnern nach bestem Wissen nahezu vollständig zu veröffentlichen. Das allein wäre noch nicht aufregend, bemerkenswert ist aber die Tatsache, dass in dieser doch relativ kleinen Region bei Redaktionsschluss immerhin 86 Sagen in 166 Versionen vorlagen, die meisten davon aus schriftlichen Quellen zwischen 1880 und 2004, zwei sogar in bislang ausschließlich mündlicher Überlieferung, und das bis ins Jahr 2006 - dann machte ich dieser Tradition durch schriftliche Aufzeichnung leider (?) ein Ende... Eine weitere bemerkenswerte Tatsache ist, dass diese Sagen einen sehr großen Teil des ostalpinen Sagenreportoires umfassen, viele der bekannten Sagen des Ostalpenraumes sind somit auch in einer Hinterberger Variante überliefert.

Darüber hinaus habe ich versucht, in den erläuternden Texten immer wieder Bezüge zur Volkskunde, Geschichte, Heimatkunde und anderen Themenbereichen herzustellen, um zu zeigen, dass unsere Sagen nicht einfach nur nette Unterhaltung sind, sondern integrativer Bestandteil regionaler Kultur, Identität und vor allem auch Geschichte.

Mit dem vorliegenden Buch möchte ich daher sowohl eine Quelle phantasievoller Unterhaltung für Menschen mit Hang zur „mystischen Romantik“ erschließen, als auch Anregungen zur Auseinandersetzung mit der eigenen kulturellen Identität – nicht nur für die Bewohner und Gäste des Hinterbergertales – bieten, und nicht zuletzt der Wissenschaft Anregungen zu einem neuen Umgang mit Sagen als Quelle volkskundlicher, geschichtlicher und insbesondere auch archäologischer Forschung geben. Ich hoffe, dass mir das zumindest in Ansätzen gelungen ist.

Ganz besonders jedoch würde es mich freuen, wenn dieses Buch dazu führen würde, in den Schulen und Familien der Region die seit mindestens einer Generation unterbrochene Tradition des freien Erzählens der regionalen Sagen von der Großeltern- auf die Enkelgeneration wieder zum Leben zu erwecken, und so ein jahrhundertealtes, vereinzelt wohl sogar jahrtausendealtes Kulturgut weiterzugeben, das sowohl Stolz als auch Bewunderung verdient - damit Tradition auch in diesem Bereich nicht zur „Anbetung der Asche“ verkommt, sondern als „Weitergabe des Feuers“ auch künftigen Generationen kulturelle Identität und vor allem Freude stiftet.

Quelle: Sagenhaftes Hinterbergertal, Sagen und Legenden aus Bad Mitterndorf, Pichl-Kainisch und Tauplitz vom Ende der Eiszeit bis zum Eisenbahnbau, Matthias Neitsch. Erarbeitet im Rahmen des Leader+ Projektes „KultiNat“ 2005 – 2007.
© Matthias Neitsch