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10. Volksglaube, Zigeuner, Zauberkundige

Manche Sagen und Legenden stellen im Prinzip lediglich den in vergangenen Epochen verbreiteten Volks(„aber“)glauben in Geschichtenform dar. Manches davon könnte noch Relikt aus vorchristlicher Zeit sein, manches dürfte aber auch frei erfunden sein, nicht zuletzt spielte die Sehnsucht nach Wundern immer wieder eine zentrale Rolle - dies nicht erst seit dem Esoterikboom unserer Tage.

Dass einander liebende junge Männer und Frauen von einem gehörnten Fruchtbarkeitsgott begleitet sind, dürfte noch keltisches Relikt sein. Dass körperliche Liebe sündig ist, und der gehörnte Gott der Teufel ist, der die Liebenden dann in die Hölle führt, ist allerdings eine christliche Nachbearbeitung.

Zauberbücher gaben vielfältige Anlässe für Sagen und Legenden. Erstens gab es solche Bücher tatsächlich, einige Exemplare aus spätmittelalterlicher Zeit sind bis heute erhalten. Zweitens konnte ohnehin fast niemand lesen, daher waren Lesekundige und ihre Bücher ohnehin schon geheimnisumwoben. Drittens waren gelehrte Werke in alter Zeit oft in lateinischer Sprache verfasst, so dass selbst Lesekundige die geheimnisvollen Worte nicht deuten konnten. Das alles führte an der Schwelle zur Neuzeit in einem geistigen Umfeld, in dem alles heidnische als dunkel und böse verschrien war, das damalige Christentum aber keine befriedigenden Antworten auf die alltäglichen Rätsel des Daseins liefern konnte und die Aufklärung noch in weiter Ferne lag, zu allerlei Geschichten und Legenden über zauberkundige Menschen. Dies war der geistige Nährboden, auf dem es dann von gruseligen Zaubergeschichten bis zu realen Hexenverfolgungen und Juden- und Zigeunerpogromen nicht mehr weit war.

Die Zigeuner sind das einzige Volk in ganz Europa, das niemals in seiner ganzen Geschichte Krieg gegen ein anderes Volk geführt hat. Trotzdem waren die nomadischen und unbeherrschbaren Zigeuner den meist herrschaftsuntertänigen Sesshaften schon immer etwas unheimlich und man erzählte sich daher unzählige Geschichten von ihnen. Die verletzte Zigeunerin in Obersdorf dürfte eine heilkundige „Hexe“ gewesen sein, denn auffällig ist, dass sie sich ihre Verletzung zugezogen hat, weil sie über einen Zaun gefallen ist. Hexen wurden früher symbolisch als Zaunreiterinnen, d.h. Grenzgängerinnen zwischen den Welten dargestellt. In dieser Sage ist die Hexe absolut nicht böse, sondern bedankt sich bei ihrem Helfer mit der Rettung von dessen Haus vor einer Feuersbrunst. Die magische Beherrschung des Feuers dürfte eine besondere Spezialität der Zigeuner gewesen sein.

Aber leider wurden auch bei uns Hexen in weiterer Folge durchaus nicht mehr positiv gesehen, die Sage von der (hier nur symbolisch dargestellten) Hexenverbrennung in Tauplitz markiert wohl die unwiderrufliche Ausrottung jener Bewohner unserer Region, die noch Relikte einer  vorchristlichen Religion bewusst gelebt hatten.

Quelle: Sagenhaftes Hinterbergertal, Sagen und Legenden aus Bad Mitterndorf, Pichl-Kainisch und Tauplitz vom Ende der Eiszeit bis zum Eisenbahnbau, Matthias Neitsch. Erarbeitet im Rahmen des Leader+ Projektes „KultiNat“ 2005 – 2007.
© Matthias Neitsch