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5 Verborgene Schätze, andere Welten

Eng verwandt mit den Sagen um Schöpfung und Fruchtbarkeit scheinen die Sagen über verborgene Schätze und „andere“, entrückte Wirklichkeiten zu sein. Auch hier spiegelt sich vorchristliches Glaubensgut wieder, das uns insbesondere in keltischen Überlieferungen aus Westeuropa immer wieder begegnet. Besonders prominent ist hier der Grimming vertreten, der in der Mythologie der urgeschichtlichen Hinterberger und Ennstaler ein besonderer heiliger Berg gewesen sein dürfte, denn allein um ihn ranken sich 29 mir bekannte Sagen, 22 davon sind auf der Hinterberger Seite des Grimming überliefert. Die meisten Hinterberger Sagen über verborgene Schätze spielen am Grimming, nur vereinzelt finden wir hier auch Kampl, Rötelstein, Pötschenwald und andere Orte.

Die sagenhaften Schätze, meist Gold und Edelsteine, sind für die meisten Menschen unerreichbar. Nur wenigen gelingt es, sie zu finden, noch weniger Menschen ist es vergönnt, einen Teil der Schätze ins diesseitige Leben mitzunehmen, und dies ausschließlich dann, wenn sie sich dafür als würdig erweisen. Die häufigen Berichte vom Wechsel in die jenseitige, goldschimmernde Anderswelt im Innern der Berge dürften der Nachhall längst vergessener kultischer Rituale um Fruchtbarkeit, spirituelle Reinigung und Initiation in mythische Geheimnisse sein. Ein solcher Reinigungs- und Durchgangsritus dürfte beim schon erwähnten Quellheiligtum der drei Saligen Frauen beim Lieglloch bei Tauplitz praktiziert worden sein, wenn die Sage berichtet, dass man durch das Lieglloch einst aufrecht durchgehen konnte, und durch den Backofen des Himmelbauern in Zauchen wieder herauskam. Hier ist sogar noch die reinigende Kraft von Asche und Feuer nach dem Durchgang durch die Unterwelt andeutungsweise erwähnt.

Menschen, die sich – meist aus Gier, Habsucht, Überheblichkeit oder Beleidigung der Wesen aus der Anderswelt – als frevelhaft oder unwürdig erwiesen haben, können den Segen der unterirdischen Schätze nicht erlangen, manche werden sogar für Vergehen mit dem Tod oder dem spurlosen Verschwinden in den Unterweltshöhlen bestraft. Unschuldige, respektvolle und ehrfürchtige Menschen hingegen dürfen das magische Schimmern des Goldes und sogar des Karfunkelsteines staunend bewundern und ein unterirdisches Reich von unendlicher Schönheit, mit eigentümlichen Wesen und Bräuchen erleben. Hier gehen buchstäblich die Uhren anders, und manch einer findet sich nach einem vermeintlich kurzen Besuch im Bergesinneren zeitversetzt um ein Jahr oder gar ein ganzes Jahrhundert im Diesseits wieder.

Die Tore in die andere Welt werden gut bewacht und öffnen sich nur bestimmten Menschen an bestimmten Tagen des Jahres, auch dies ist ein Hinweis auf entsprechende Kulte an diesen Tagen.

Eine besondere Rolle spielen in alpenländischen Sagen immer wieder die „Italiener“ oder welschen Goldsucher, die mit magischen Gaben ausgestattet, stets ungehinderten Zugriff auf die verborgenen Schätze haben. Dennoch leben sie bescheiden und verwenden ihre Reichtümer mit großer Weisheit, weil ihnen anderenfalls der Zugang verwehrt bleiben würde. In diesen Sagengestalten dürften sich mehrere geschichtliche Elemente mischen: Erstens waren die alpinen Bodenschätze, insbesondere Eisen und edle Metalle, einer der Gründe für die offenbar friedliche Annexion des keltischen Königreiches Norikum durch das Römische Reich vor etwa 2000 Jahren, was zu verstärkten Bergbauaktivitäten unter römischem Einfluss geführt haben dürfte. Zweitens dürften jene keltischen Druiden, Fili und Barden, welche die ethnisch-politischen „Säuberungen“ der Römer insbesondere zur Zeit Cäsars in der Zurückgezogenheit der Alpentäler überlebt hatten, immer wieder die zahlreichen heiligen Berge der Alpen aufgesucht haben, um Rituale durchzuführen und dadurch „Energie zu tanken“. Sie entsprechen am ehesten der Beschreibung der zauberkundigen und weisen welschen Schatzsucher. Drittens gibt es aus dem Mittelalter tatsächlich belegte Hinweise auf italienische Goldsucher und Bergbauexperten in den Alpen. Römische Bergbaukundige, keltische Priester und mittelalterliche italienische Goldsucher dürften hier durch Überlagerung der Überlieferungen nach und nach zu einem einheitlichen Sagenmuster verschmolzen sein.

Aber unsere Sagen enthalten auch noch weitere Hinweise auf Schätze und andere Welten: So gibt es in Tauplitz im Sagtümpel einen Wassermann, der nicht gestört werden will (ebenfalls ein altes Wasserheiligtum?), die legendenhafte Entdeckung kleinerer Salzvorkommen am Kampl sowie ein sagenhafter Kohlebergbau am Kulm werden berichtet und nicht zuletzt wurde auch das bereits nachweislich in keltoromanischer Zeit bekannte Quellheiligtum der Heilquelle Bad Heilbrunn von einem mythischen Jäger entdeckt, der den keltischen Jagdgottheiten auf vielerlei Weise ähnelt.

Interessant ist die Sage vom Hallbachschimmel, der just an dem Ort herumspukt, wo auch eine Schatzsage vorkommt und vor einigen Jahren eine warme, leicht schwefelhaltige Quelle festgestellt wurde, die aber für ungeübte Beobachter kaum wahrnehmbar ist.

So ergeben viele unserer Sagen zusammengelegt ein interessantes Bild über das religiöse Leben und Denken der Hinterberger vor der erst im Hochmittelalter voll einsetzenden Christianisierung, von dem vieles über Brauchtum, Ortsnamen und noch immer genutzte natürliche Schätze der Region bis heute – wenn auch oft unbemerkt – überlebt hat.

Quelle: Sagenhaftes Hinterbergertal, Sagen und Legenden aus Bad Mitterndorf, Pichl-Kainisch und Tauplitz vom Ende der Eiszeit bis zum Eisenbahnbau, Matthias Neitsch. Erarbeitet im Rahmen des Leader+ Projektes „KultiNat“ 2005 – 2007.
© Matthias Neitsch