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3.3 Sagen, Legenden, Märchen: Versuch einer groben Unterscheidung

Vorweg: Erstens gibt es keine eindeutige Unterscheidung, ob ein ursprünglich ausschließlich mündlich überliefertes Erzählgut eine Sage, eine Legende oder ein Märchen ist, dem Erzähler und seinen Zuhörern ist eine exakte literarische Zuordnung auch meistens nicht wichtig. Zweitens: es gibt zahlreiche Überschneidungen aller drei Gattungen, und nicht wenige Erzählungen beinhalten Merkmale von mehr als nur einer der drei Gattungen.

Ganz grob kann gesagt werden, dass Legenden auf einem historischen Kern aufbauen, und eine historische Begebenheit überzeichnen, mystisch erhöhen oder verzerren. Die Gründe für diese erzählerische Veränderung historischer Tatsachen sind meist ideologischer oder religiöser Natur, oder liegen schlicht und einfach im Bedürfnis von Publikum und Erzähler nach Sensation und dem „Besonderen“ einer vergangenen Begebenheit.

Sagen beinhalten sehr oft ebenfalls historische Hintergründe, diese spielen aber hier nicht die Hauptrolle, sondern treten hinter den meist mystischen Kern der Sage zurück. Sagen sind – zumindest in der uns heute zugänglichen Überlieferung – relativ kurz und drehen sich nur um eines oder sehr wenige „archetypische“ Motive, die in unterschiedlichen regionalen Varianten in ganz Europa verbreitet sind. Ausserdem sind Sagen meist an bestimmte Orte oder Regionen gebunden (auch wenn die gleiche Sage an gänzlich unterschiedlichen Orten überliefert wird), diese örtliche Gebundenheit scheint in den meisten Fällen eine wesentlich größere Bedeutung zu haben, als der historische Kern.

Die uns heute bekannte mündliche Überlieferung von ostalpinen Sagen verzichtet auf Ausschmückungen und konzentriert sich auf wenige zentrale Kernaussagen. Allerdings bezweifle ich, dass frühere Sagenerzähler ihrem Publikum, und seien es „nur“ die eigenen Enkel, die Sagen immer in so kurzer Form erzählt haben, wie sie diese dann den gelehrten Volkskundlern des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts erzählt haben. In der Scheu vor dem gelehrten Fremden und der eigenen schüchternen Unsicherheit, vielfach vielleicht Misstrauen, mag es wohl oft vorgekommen sein, dass die Sagen in einer für ausschweifende Erzählungen ungeeigneten Gesprächsatmosphäre in allzu knapper und trockener Art wiedergegeben wurden. Zumindest bei den Tonbandaufnahmen von Karl Haiding in den 60er und 70er Jahren scheint dies oft so gewesen zu sein, denn die Transskriptionen der Interviews deuten auf eine angesichts des ungewohnten Mikrofones eher zurückhaltende und zögerliche Erzählweise der meist älteren Leute hin. Auch die Berichte des Südtiroler Sagenkundlers Karl Felix Wolff, der in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vor allem ladinische Sagen aus den Dolomiten sammelte, deuten darauf hin, dass bäuerliche Alpenbewohner zu dieser Zeit nur äußerst zurückhaltend bei der Weitergabe traditionellen Erzählgutes an fremde Forscher waren (Wolff, Dolomitensagen, Bozen 2003).

Märchen beinhalten den gleichen archetypischen Musterschatz, wie die Sagen, wobei im Märchen allerdings eine Aneinanderreihung einer Vielzahl von Motiven erfolgt, diese breit und phantasievoll ausgeschmückt werden, wobei begabte Märchenerzähler durchaus sehr persönliche Variationen und Ergänzungen vornahmen, so dass die mündliche Erzählung eines spannenden Märchens durchaus mehrere Stunden in Anspruch nehmen konnte, wie dies Haiding selbst noch erleben konnte (Karl Haiding, Österreichs Märchenschatz, Wien 1953). Im Unterschied zu den meisten Sagen sind Märchen tendenziell komplexer, und sie verzichten gänzlich auf historische Hintergründe oder Anbindung an bestimmte geographische Orte oder Regionen.

In der hier vorliegenden Sammlung kommen keine Märchen vor (es sind keine Hinterberger Märchenüberlieferungen bekannt), sondern hauptsächlich Sagen, einige Legenden sowie Mischformen beider Gattungen.

Quelle: Sagenhaftes Hinterbergertal, Sagen und Legenden aus Bad Mitterndorf, Pichl-Kainisch und Tauplitz vom Ende der Eiszeit bis zum Eisenbahnbau, Matthias Neitsch. Erarbeitet im Rahmen des Leader+ Projektes „KultiNat“ 2005 – 2007.
© Matthias Neitsch