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5.18 Der Traum des Paßegger

Auf der Nordseite des Grimmings – unweit der Ortschaft Klachau – erhebt sich der kegelförmige Kulmberg und westlich von ihm steht der etwas niedrigere Paßegger Kogel, der seinen Namen vom dortigen Bauernhof erhalten hat.

Vor vielen hundert Jahren hatten die Leute auf diesem Hof ständig mit Not und Elend zu kämpfen. Schon bevor der damalige Paßegger-Bauer den Hof von seinem Vater übernommen hatte, war es durch schlechte Wirtschaft und verschiedene Unglücksfälle so herabgekommen, daß es trotz aller Mühe nicht vorwärts gehen wollte. Jetzt aber kam es sogar so weit, daß die zwangsweise Versteigerung nahe bevorstand. Darüber geriet der arme, aber fleißige und strebsame Mann in große Verzweiflung.

Eines Abends legte er sich voll Kummer zu Bett. Lange konnte er keinen Schlaf finden, denn er dachte, der kommende Tag werde gewiss neue Sorgen, neue Schmerzen, aber wenig Gutes bringen. Nachdem er endlich eingeschlafen war, hatte er einen sonderbaren Traum. Es kam ihm vor, als riefe ihm eine Stimme zu: „Geh morgen früh auf die Irdninger Brücke, dort wirst du etwas Neues erfahren!“ Diese Stimme glaubte er so deutlich zu hören, dass er eilig aus dem Bett sprang, sich ankleidete, etwas Brot und Speck zu sich steckte und sich auf den Weg hinunter durch die Klachau ins Ennstal machte.

Kaum graute der Morgen, da stand er schon auf der Brücke, die über die Enns nach Irdning führt. Neugierig, was er da erfahren würde, und zugleich wütend darüber, daß er einen kostbaren Tag so leichtsinnig verschleudert hatte, stützte er sich auf das Brückengeländer und wartete voller Ungeduld darauf, was nun passieren würde. Der erste Mensch, der nach ihm die Brücke betrat, war ein armer, alter Mann, der auf einem Stock gestützt daherkam.

Der fragte den Paßegger, auf wen er hier warte. Treuherzig erzählte der Bauer dem fremden Mann seinen seltsamen Traum. Der alte Mann lachte ihn tüchtig aus und sprach: „Auch mir hat einmal geträumt, dass beim Paßegger Bauern unter dem Herd ein Schatz vergraben sein soll. Ich weiß aber nicht einmal, wo es einen Paßegger Bauern gibt – vielleicht gibt es gar keinen! Ich kenne alle Bauernhäuser im ganzen Ennstal vom Salzburgischen an bis hinab nach Admont, aber Paßegger Bauern kenn‘ ich keinen. Geh lieber wieder heim, statt hier zu warten!“

Damit humpelte er unter lautem Lachen und auf seinen Stock gestützt weiter. Sprachlos und unfähig, auch nur ein Glied zu bewegen, starrte ihm der Bauer nach. Jetzt aber raffte er sich gewaltsam auf, sprang dem Bettler nach, ergriff dessen Hände und sprach stoßweise: „Ich, ich bin der Paßegger! Wenn dein Traum wahr ist, dann hat dich der Herrgott selber hergeschickt, um mir aus der Not zu helfen. Geh nur mit mir; sollst es gut haben dein Leben lang, falls du recht hast.“

Um die Mittagszeit waren sie auf dem Kulm. Sie nahmen sich nicht Zeit, etwas zu essen, sondern machten sich sogleich an die Arbeit und brachen den Herd ab. Wirklich fanden sie unter demselben einen großen Kessel vergraben, der bis oben mit alten Silberstücken angefüllt war. Nun hatte alle Not ein Ende.

Quelle: Sagenhaftes Hinterbergertal, Sagen und Legenden aus Bad Mitterndorf, Pichl-Kainisch und Tauplitz vom Ende der Eiszeit bis zum Eisenbahnbau, Matthias Neitsch. Erarbeitet im Rahmen des Leader+ Projektes „KultiNat“ 2005 – 2007.
© Matthias Neitsch