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6.10 Tiere reden in der Christnacht

In der Christnacht, der wichtigsten unter den Rauhnächten, kann man die Tiere reden hören. Sie sagen dann sogar die Zukunft voraus. Ein Bauer konnte das nicht recht glauben bis er sich selber davon überzeugt hatte. In der heiligen Nacht versteckte er sich im Stall, so dass ihn die Tiere nicht sehen konnten. Plötzlich fingen die Ochsen und Kühe an, zu reden und der Bauer verstand deutlich jedes Wort. Da hörte er, wie ein Ochse zu seinem Nachbarn sagte: „Du, unser Bauer, der schindet uns aber ordentlich. Wir können ziehen und uns plagen wie wir wollen, immer ist es ihm noch zu wenig. Und Schläge gibt er uns, dass wir gewaltige Striemen kriegen.“ „Hast recht“, sagte darauf der andere, „das lassen wir uns nicht mehr länger gefallen. Weißt du was: bringen wir ihn um, den Schinder!“ „Einverstanden!“ sagte darauf der erste; und so vereinbarten die zwei Ochsen, dass sie schon am nächsten Tag den Bauern erstechen wollten. Der Bauer lachte heimlich dazu und dachte bei sich: „Das werde ich natürlich nicht zulassen!“

Aber als am nächsten Tag das Vieh zum Brunnen getrieben wurde, begannen die beiden Ochsen zu Stoßen und zu Raufen, dass sich die Brenntlerin nicht mehr zu helfen wusste. Sie rief den Bauern, und als dieser kam, stürzten die Ochsen auf ihn los und erstachen ihn tatsächlich mit ihren Hörnern.

Quelle: Sagenhaftes Hinterbergertal, Sagen und Legenden aus Bad Mitterndorf, Pichl-Kainisch und Tauplitz vom Ende der Eiszeit bis zum Eisenbahnbau, Matthias Neitsch. Erarbeitet im Rahmen des Leader+ Projektes „KultiNat“ 2005 – 2007.
© Matthias Neitsch