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3.7 Exkurs: Der Grimming als „heiliger Berg“

3.7.1 Schöpfungsmythen am Grimming

In allen naturreligiösen Überlieferungen der ganzen Welt spielen heilige Berge eine zentrale Rolle. Sie sind Sitz von Göttern, Lebensenergien, Ausgangspunkt von Schöpfungsmythen und Gegenstand besonderer Verehrung, also auch Orte für Kultstätten und Gebet. In unserer Region scheint einst der Grimming eine solche zentrale Rolle gespielt zu haben, denn nach derzeitigem Stand gibt es mindestens 29 Sagen, das sind über ein Drittel aller Sagen des Hinterbergertales, in denen der Grimming oder seine unmittelbare Umgebung, z.B. der Kulm, der Pass Stein oder die Heilquelle Heilbrunn, eine Rolle spielen. Der Name „Grimming“ ist eine bajuwarisierte Form des auch heute noch im Volksmund gebräuchlichen Ausdrucks „Grimma“. Die Bedeutung des Namens ist umstritten, er könnte sowohl slawischen als auch bajuwarischen Ursprungs sein. Jedenfalls hat er sicherlich nichts mit „Grimm“ (=Zorn) zu tun.

Der Grimming ist nach der Sage Wohnort eines Lindwurmes, der aus einem Ei schlüpfte, welches von einem uralten Hahn am Kulm gelegt wurde. Der Hahn spielt auch in gallo-keltischen Mythen eine wichtige Rolle und ist deshalb noch heute eines der französischen Nationalsymbole und ist ausserdem fast auf jeder Kirchturmspitze zu finden. Auf vielen Bergen namens Kulm wurden alte heidnische Kultplätze nachgewiesen, so z.B. am oststeirischen Kulm bei Weiz und am Ennstaler Kulm bei Irdning. Das Ei symbolisiert die Schöpfung, sein Vater, der Hahn, steht für den Schöpfer. Das Ei wurde vom Hahn in den See gelegt, d. h. in das weibliche Element, ein klassischer Zeugungs- bzw. Schöpfungsvorgang. Entsprungen ist diesem Ei im Wasser ein Lindwurm, also eine riesige Schlange bzw. ein Drache, der überall auf der Welt für die Lebensenergie steht. Es liegt daher er Schluss nahe, dass in den Lindwurmsagen der Klachau und des Grimmingbodens Reste alter Schöpfungsmythen nachklingen. So wurde also am Grimming Leben (Lebensenergie) geschaffen.

Bei vielen Völkern steht die große Schlange mit heiligen Bergen in Verbindung und schläft darin. In einer Variation einer Grimmingsage aus dem Ennstal (nur als Fragment überliefert) schläft der Drache noch im Berg und wird eines Tages aufwachen und hervorbrechen, und mit ihm die Wassermassen im Berg, die dann große Verwüstungen anrichten werden (typisches Bruchstück einer Endzeit-Prophezeiung). In sehr vielen heiligen Bergen der ganzen Welt, in denen nach einheimischen Überlieferungen Schlangen oder Drachen wohnen, wurde später Uran und/oder Kohle gefunden. Kohlefunde sind für den Kulm in einer Sage überliefert, Uranvorkommen sind nicht belegt (obwohl es laut Zeitungsmeldungen darüber in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts Gerüchte gab, angeblich hätten Messungen am Grimmingfuß erhöhte Strahlungswerte angezeigt), aber zumindest warme Heilquellen am Fuß des Grimming (Bad Heilbrunn) deuten auf besondere geologische Verhältnisse hin.

Gemäß der Interpretation eingeborener Völker, etwa nordamerikanischer Indianer der Gegend um Black Mesa (Arizona), die Black Hills (South Dakota) oder der australischen Aborigines um den Ayers Rock entstehen durch Kohle bzw. Uran bestimmte Kraftfelder, die sich auf die Lebensenergie des Planeten bzw. der Region positiv auswirken, solange die Bodenschätze nicht abgebaut werden (meist durch entsprechende Tabus in den Überlieferungen gesichert). Nach unserer Überlieferung wurde aber noch vor der Zerstörung des Klachauer Sees durch den Lindwurm am Kulm Steinkohle abgebaut, wovon ein ganzes Dorf gelebt haben soll. Der See war offensichtlich durch eine eiszeitliche Endmoräne im Bereich Pürgg aufgestaut, welche vom Lindwurm zerstört worden sein soll. Damit floß der See ab, riß allerdings den Lindwurm mit sich, der dann im Gebiet von Untergrimming am Ennsboden am Trockenen liegenblieb und verendete. Auch das Dorf und der Kohlebergbau sollen dadurch zerstört worden sein. Dieses Element der Sage könnte auch ein Hinweis auf ein sintflutartiges Katastrophenereignis sein.

Unter dem Knochengerüst des verendeten Lindwurmes fanden der Sage nach 12 Kühe Platz. Diese Information könnte ein verschlüsselter Hinweis auf die Zahl 12 in Verbindung mit einer nachsintflutlichen „Neuen Zeit“ sein, evtl. ähnlich wie der Regenbogen aus dem alten Testament; weiters auf das Volk der Taurisker (von lat. Taurus = Stier), die in alter Zeit (dem astrologischen „Stierzeitalter“) die Tauern und das obere Ennstal besiedelt haben sollen. Davon zeugen auch noch die diversen Hausnamen „Taurer“ (im Hinterberg und im Ausseerland) ebenso wie die Sage vom riesigen Stier des „Moar im Stoakeller“, der die Grimmingscharte ausgewetzt haben soll.

Quelle: Sagenhaftes Hinterbergertal, Sagen und Legenden aus Bad Mitterndorf, Pichl-Kainisch und Tauplitz vom Ende der Eiszeit bis zum Eisenbahnbau, Matthias Neitsch. Erarbeitet im Rahmen des Leader+ Projektes „KultiNat“ 2005 – 2007.
© Matthias Neitsch