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3.5 Sagen frei erzählen!

Sagen wurden über Jahrhunderte, vereinzelt vielleicht sogar über Jahrtausende ausschließlich mündlich überliefert, also frei erzählt, und das von allen Leuten, also nicht nur besonders „Begabten“. Die heute verfügbaren schriftlichen Fassungen basieren fast ausschließlich auf schriftlichen Aufzeichnungen von Volkskundlern und anderen interessierten Sammlern, die mündliche Sagenerzählungen entweder bei geselligen Zusammenkünften oder bei gezielten Interviews mit einheimischen Überlieferungsträgern gehört haben. Da die Erzählung üblicherweise im umgangssprachlichen regionalen Dialekt erfolgt und je nach Gesprächssituation und Laune des Erzählers mehr oder weniger präzise, ausgeschmückt oder lediglich minimalistisch erfolgt, ist das erzählerische „Rohmaterial“ für eine Publikation meist in unveränderter Form nicht brauchbar. Es wird daher vom Aufzeichner mehr oder weniger intensiv bearbeitet, womit dieser wiederum selbst in die Erzähltradition eingreift und seine eigene Version publiziert. Leider war es mir nur in zwei Fällen vergönnt, schriftliche Tonbandtransskriptionen von Interviews (im Dialekt und exakt nach dem gesprochenen Wort) mit der nachfolgend veröffentlichten bearbeiteten Version zu vergleichen, und zwar im Fall von Haiding („Die Alte vom Grimmingtor“ und „Die liederliche Sennerin“). Haiding wählte eine äußerst behutsame und streng an der mündlichen Erzählung orientierte Bearbeitung und verzichtete auf eigene Ergänzungen und Interpretationen. Nicht so diverse andere Autoren von Sagenbüchern, die oft einer vom anderen abschrieben und jedes Mal Details veränderten, bis am Ende der Kette oft eine völlig anders interpretierte Version der ursprünglichen Erzählung herauskam.

Ich selbst bin bei meinen Bearbeitungen etwas gespalten. Einerseits versuche ich, aus den mir vorliegenden Versionen die älteste zur Orientierung heranzuziehen, aber dabei gleichzeitig unterschiedliche Details aus mehreren Versionen „nach Gefühl“ zusammenzufügen, denn ich glaube, dass die in der mündlichen Tradition vorhandenen Unterschiede vielfach durch „Vergessen“ zustande kommen, und daher das „Wiedervereinigen“ verschiedener Versionsdetails uns den ursprünglicheren, umfangreicheren Erzähltexten wieder näher bringt. Gleichzeitig habe ich aber alles weggelassen, von dem ich das Gefühl hatte, dass es eigentlich nicht dem Geist der ursprünglichen Überlieferung entspricht. Ich bin mir bewusst, dass diese Methode höchst subjektiv und keinesfalls wissenschaftlich fundiert ist, ich habe daher bei allen meinen Bearbeitungen alle Quellen angegeben, um seriöse volkskundliche Forschung zumindest nicht zu behindern.

Gänzlich unabhängig von derartigen Überlegungen möchte ich jedoch alle im Hinterbergertal beheimateten Leser anregen, jene Sagen, die ihnen am besten gefallen, möglichst oft zu lesen, und sie dann völlig frei erzählt den nächstbesten interessierten Kindern (aus der Verwandschaft oder Nachbarschaft, in den zahlreichen Kinder- und Jugendgruppen etc.) bei jeder passenden Gelegenheit  vorzutragen. Dabei sind Ausschmückungen und stilistische Veränderungen nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht, denn der persönliche Stil des Erzählers lässt Sagen erst so richtig leben und sich in die Erinnerung der Zuhörer einprägen. Es wäre ein ganz besonders einmaliges Phänomen, wenn damit die Erzähltradition – wenn auch durch schriftliche Vorlagen gestützt, in unserer Heimat wieder aufleben würde – und glauben Sie mir, die Kinder würden daran ihre Freude haben, und sich ihr Leben lang daran erinnern.

Quelle: Sagenhaftes Hinterbergertal, Sagen und Legenden aus Bad Mitterndorf, Pichl-Kainisch und Tauplitz vom Ende der Eiszeit bis zum Eisenbahnbau, Matthias Neitsch. Erarbeitet im Rahmen des Leader+ Projektes „KultiNat“ 2005 – 2007.
© Matthias Neitsch