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5.9 Die Rettung des Duckbauern

Der Grimming ist ein sonderbarer Berg: sein Rücken gleicht einem schlummernden Löwen und auf seinem Haupt trägt er eine fünfzehnzackige Krone. In seinem Innern aber hausen die Bergmännlein und bewachen sorgsam ihre Schätze. Nur wenigen Sterblichen war es vergönnt, sich Schätze aus den Kammern und Gängen des Grimmings zu erwerben. Unter diesen wenigen befand sich auch der Duckbauern Franz.

Franz kam einmal auf dem Grimming zu einem tiefen Spalt, auf dessen Grund er Goldsand glitzern sah. In den Spalt zu gelangen, um das Gold heraufzuholen, war aber ohne Seile unmöglich. Rasch stieg er wieder talwärts und erzählte zweien seiner Freunde von dem kostbaren Fund. Die beiden Freunde waren natürlich sofort zum Schatzheben bereit. Jeder nahm einen Rucksack und einen langen Strick mit sich und so stiegen sie, Franz als Wegweiser voraus und die beiden anderen, leise miteinander flüsternd, hinterher, den Grimming hinauf. Am Loch angekommen, knüpften sie die drei Stricke aneinander, banden den Franz daran und ließen ihn behutsam in die Schlucht hinab.

Sobald Franz heil unten angekommen war, wurden ihm die Rucksäcke nachgeworfen. Franz füllte sie mit Goldsand und die beiden anderen zogen sie mit den Stricken herauf. Sobald sie den Schatz in Händen hatten, lachten sie laut auf, warfen das Seil in die Schlucht und machten sich eilig davon. Ihren Kameraden überließen sie in der Grube seinem Schicksal; seinen Anteil an Gold aber nahmen sie mit.

Der brave Duckbauern-Sohn war nun eingekerkert und dem qualvollsten Hungertod ausgeliefert. Er untersuchte die Höhle nach allen Seiten genau, aber nirgends fand er auch nur die leisteste Spalte, durch welche er seinem goldfunkelnden Gefängnis entkommen konnte, und die Felswände waren so glatt, dass ein hinaufklettern völlig unmöglich war. Nach und nach legte sich die Dämmerung über die Erde und in der Schlucht wurde es so dunkel, daß Franz seine Suche nach einem Ausweg einstellen mußte. Ermattet und ohne Hoffnung auf Befreiung legte er sich in den Goldsand.

Es mochte etwa um die Mitternachtsstunde sein, da öffnete sich plötzlich seitwärts eine Wand und hervor schritt ein kleines Bergmandl mit langem weißen Bart. Auf seiner Zipfelmütze trug es einen Stein, der ein so helles Licht ausstrahlte, daß die ganze Höhle taghell erleuchtet war. Franz sprang erschrocken auf, aber der Berggeist sagte freundlich: „Fürchte dich nicht, Franz; ich will dich aus deinem Gefängnis erretten. Da, nimm diesen Stein und halte ihn an die Wand. Sogleich wird sich diese öffnen. Geh nur immer geradeaus und du wirst bald draußen sein und wieder zu Menschen kommen.“

Damit gab er ihm den Edelstein, der an seiner Kappe befestigt gewesen war. Franz dankte herzlich für das kostbare Geschenk und sofort probierte er ihn aus, indem er den Stein nahe zur Wand hielt. Sogleich spalteten sich die Felsen und ein langer Gang tat sich auf. Franz beachtete mit keinen Blick mehr das glänzende Gold zu seinen Füßen; er schritt frohen Herzens hinein in den Gang und das Männchen folgte ihm heimlich lächelnd nach.

„Solange du lebst, wird der Erlös aus diesem Karfunkelstein reichen. Verkaufe den Stein und verwende das Karfunkelstein zu deinem Nutzen und zum Besten deiner Mitmenschen. Lass dir aber nie mehr einfallen, vom Grimming Gold oder Silber zu holen, denn ich könnte dich ein zweites Mal nicht mehr beschützen, sondern müßte dich ebenso wie deine falschen Freunde, über die hohen Felswände werfen“, sagte das Bergmännlein noch, dann verschwand es.

Franz kam glücklich wieder an die Oberfläche der Erde, aber von seinen habsüchtigen Kameraden sah er nichts mehr. Der Berggeist hatte sie über die hohen Wände gestürzt. Später fand man nur ihre zerschmetterten Glieder, von den Rucksäcken mit dem Gold aber keine Spur mehr.

Quelle: Sagenhaftes Hinterbergertal, Sagen und Legenden aus Bad Mitterndorf, Pichl-Kainisch und Tauplitz vom Ende der Eiszeit bis zum Eisenbahnbau, Matthias Neitsch. Erarbeitet im Rahmen des Leader+ Projektes „KultiNat“ 2005 – 2007.
© Matthias Neitsch