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6. Rauhnachtsagen und Wilde Jagd

In der dunklen Zeit des Jahres, die nach dem definitiven Ende der Erntezeit und des bunten Herbstes mit der ersten Rauhnacht vom 5. auf den 6. Dezember beginnt, wenn die Stürme das letzte Laub von den Bäumen fegen und Frost, Nebel und erste Schneefälle den im Hinterbergertal meist sehr langen Winter ankündigen, übernehmen unheimliche Gestalten die Herrschaft über die Stimmung im Tal: gehörnte Unholde („Krampusse“), eine spukende weiße Ziege („Habergoas“), ein dämonischer Schmied und imposante meterhohe Strohgestalten („Schab“) und allen voran eine uralte, eisgraue Greisin, die Percht („Bartl“), allesamt nicht nur Gestalten des heimischen Brauchtums, sondern auch der überlieferten Sagen. Gerade hier zeigt sich besonders deutlich, wie es das Christentum mit aller Macht versucht hat, das vorchristliche Glaubensgut umzudeuten und ins Reich der Dämonen zu verbannen. Der Erfolg war zweischneidig: Zwar gelang es, wie besonders bei den Hinterberger Nikolospielen in den Pfarren Kumitz, Mitterndorf und Tauplitz deutlich wird, die eigentlich führende Percht als männlichen „Bartl“ in eine Nebenrolle zugunsten des Heiligen Nikolaus zu verdrängen, ihr Gefolge, insbesondere die gehörnten, energiestrotzenden Unholde aus der jenseitigen keltischen „Anderswelt“, als Höllenteufel zu brandmarken und den segenspendenden, nie leer werdenden Gabenkorb der Percht in ein Strafgefängnis für schlimme Kinder zu verwandeln, aber die urtümliche magische Kraft und Faszination dieses vorchristlichen Kultes blieb bis heute erhalten, trotz Christianisierung, Kommerzialisierung, massivem Alkoholeinsatz und fallweiser Gewaltanwandlung mancher Krampusdarsteller insbesondere gegen Frauen und Mädchen.

In den Sagen der Region ging es ähnlich zu. Ursprünglich war die Percht eine der drei Saligen Frauen, also eine keltische Göttin, und zwar jene, die für die dunklere Seite des menschlichen Daseins, also Tod, Winter und Kälte zuständig war, und dementsprechend oft in Gestalt einer uralten Frau in ärmlichem Gewand mit einem Buckelkorb oder einem Karren auftrat. Vor allem aber behütete sie die verstorbenen Seelen auf ihrer Wanderung von der diesseitigen in die jenseitige Anderswelt. Dieser Wanderzug der verstorbenen Seelen wurde zu einem der Hauptmotive der alpinen Perchtensagen. Da mit der Christianisierung immer mehr Menschen getauft wurden, und getaufte Christen bekanntlich nicht in die keltische Anderswelt, sondern meist in die Hölle, fallweise auch in den Himmel wandern, reduzierte sich der Seelenzug der Percht zunehmend auf ungetauft verstorbene Kinder, die mangels dokumentierter christlicher Zugehörigkeit unter ihrer Obhut verblieben. Und selbst diese Kinder konnten vereinzelt durch nachträgliche „Ersatztaufe“ mittels Namensgebung durch sterbliche Menschen aus dem Wanderzug nach Avalon, das lichte Land hinter den Nebeln, „befreit“ und in den christlichen Himmel geschickt werden, wie die in ganz Mitteleuropa und auch in Bad Mitterndorf (Aufzeichnung von Karl Haiding aus Zauchen, veröffentlicht 1981) überlieferte Sage von der Erlösung des unschuldigen Kindes berichtet. Laut Krauss, 1897, hat es auch in Tauplitz eine Perchten-Sage gegeben, der Wortlaut ist aber nicht überliefert.

Eine Gestalt des Mitterndorfer Nikoloumzuges, die weiße Ziege oder „Habergoas“ kommt in Gestalt der weißen Gams mit den Silberkrickeln in einer Grimmingsage vor. Eine weitere Gestalt des Umzuges ist der Schmied, den wir auch in der Sage von der wilden Jagd beim Schmied in Krungl wiederfinden.

Ob die legendäre Wilde Jagd, die in den Rauhnächten mit teils todbringender, aber auch reinigender Gewalt durch die Lüfte braust, eine Dämonisierung des Seelenzuges der Percht ist oder die Personifizierung der reinigenden und läuternden Urgewalt der Percht, ist unklar. Die Sagenüberlieferungen sind diesbezüglich höchst vielfältig und reichen von der Wilden Jagd als Zug verwunschener, sündiger Seelen im Banne des Teufels, über rauhe ungehobelte Geister, die die Almen im Spätherbst unsicher machen („Alperer“) bis hin zu reinem Gespensterspuk.

In den Rauhnächten fährt nicht nur die Wilde Jagd durch die Lüfte, es geht auch sonst nicht alles mit rechten Dingen zu. Insbesondere in der Christnacht (vom 24. auf den 25. Dezember), der bedeutendsten Rauhnacht, geschehen eigenartige Dinge: Tiere reden (Orakel), Wasser verwandelt sich in Wein (Druidische Verwandlungszauber), Geister und Teufel erschrecken und narren jene Menschen, die nicht zur Christmette gehen, und statt dessen heidnische Kulte pflegen: „Karten spielen“ (Orakelbefragung!) oder auf die  „Hasenjagd gehen“.

Bis heute ist das Rauhnachtsbrauchtum im Hinterbergertal äußerst lebendig, und manchmal fühlt man sich während während des Krampusumzuges (5. Dezember) oder beim Besuch der Perchten in der letzten Rauhnacht am Abend des 5. Jänner unmittelbar in die mystische Welt der alten Sagen versetzt. Auch die Kinder am „Tag der unschuldigen Kinder“ (28. Dezember), die in den Häusern die Bewohner mit dem „Frisch und G'sund“-Spruch segnen, ebenso wie die Glöckelkinder (5. Jänner) und nicht zuletzt die Sternsinger (zwischen Silvester und 5. Jänner) erinnern noch immer an den Zug der Percht mit den Kinderseelen.

Quelle: Sagenhaftes Hinterbergertal, Sagen und Legenden aus Bad Mitterndorf, Pichl-Kainisch und Tauplitz vom Ende der Eiszeit bis zum Eisenbahnbau, Matthias Neitsch. Erarbeitet im Rahmen des Leader+ Projektes „KultiNat“ 2005 – 2007.
© Matthias Neitsch