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4.1 Der Lindwurm in der Klachau

Die große Hochfläche am nordöstlichen Fuß des Grimming gleicht einem ausgetrockneten See, auf dessem Grund sich knorriges Dickicht und Strauchwerk angesiedelt hat. Und wirklich berichtet die Sage, dass sich dort vor undenklichen Zeiten ein großer See befunden haben soll. Die Paßenge von Untergrimming, zwischen dem Grimmingmassiv und dem Burgstall von Pürgg, soll durch eine Felsbarriere verbunden gewesen sein.

Eines Tages legte ein uralter schwarzer Haushahn in diesen See ein ganz sonderbares Ei, woraus sich ein noch sonderbareres Tier, ein Lindwurm, entwickelte. Dieses Ungeheuer verschlang nicht nur alle lebenden Wesen im Gewässer, sondern auch alle Pflanzen und selbst den Schlamm. Dabei wuchs es sehr rasch und erreichte bald eine erstaunliche Größe. Als es im See nichts mehr fand, womit es seinen Hunger stillen konnte, durchfraß es den gewaltigen Damm, der sich in der Gegend des heutigen Dorfes Untergrimming hinzog und die Pürgerwand mit dem Grimming verband. Durch die entstandene Lücke floß nun das Wasser des Sees rasch ab, die Wellen erweiterten das Loch immer mehr, und schließlich rissen die gewaltigen Wogen den ganzen Damm mit sich fort. Das gleiche Schicksal erlitt der Lindwurm. Die Fluten nahmen ihn mit sich fort hinab ins Ennstal und ließen ihn dort liegen, wo er elend umkommen mußte. Unter seinem Knochengerüst konnten später zwölf Kühe gleichzeitig einen Unterstand finden.

Wieder vergingen Tausende von Jahren und das Gerippe des Lindwurms wurde vom oft hochwasserführenden Grimmingbach mit Schotter und Erde überdeckt. Ein langgestreckter Hügel entstand. Und irgendwann einmal kamen die Menschen ins Tal der grünen Enns. Und just auf diesem Hügel, dem „Hochfeld“ entstand ein Bauernhof. Er steht heute noch und heißt seit jeher „Hochfeldner“, aus Unwissenheit auch „Hochfellner“ genannt.

In seiner Nähe liegen kleine Seen. Sie heißen „Hochfeldner-Teiche“; auch sogenannte „Kohltümpfe“ gibt es. Das sind Moorstellen, bei denen die Gefahr besteht, daß weidendes Vieh darinnen versinkt. Alles Reste des einstigen Sees, der sich beim Ausbruch der Wassermassen gebildet hatte und über lange Zeit erhalten blieb. An den einstigen See aber, zwischen den Abstürzen des Grimming und dem Burgbereich von Pürgg, erinnert heute noch ein Grundstück bei Lessern, die sogenannte „Seewiesen“.

 

In der letzten Eiszeit („Würm-Eiszeit“) war das Hinterbergertal gänzlich von Eis bedeckt. Nach dem Abschmelzen der Gletscher vor etwa 10.000 Jahren bildeten sich an vielen Stellen postglaziale Seen, so auch in der Klachau. Schon ziemlich bald nach dem Abschmelzen der Gletscher wurden die Gegend nach und nach besiedelt – im Lieglloch bei Tauplitz wurde die Anwesenheit steinzeitlicher Jäger nachgewiesen. Offensichtlich wussten diese Menschen noch von den Seen oder waren deren Spuren zumindest noch so gut erkennbar, dass die damaligen Menschen folgerichtig auf deren frühere Existenz schließen mussten. Da war es natürlich naheliegend, daran entsprechende mythische Vorstellungen zu knüpfen. Sollten die Lindwurmsagen wirklich auf die nacheiszeitlichen Jäger zurückgehen, wären sie demnach 5.000 – 10.000 Jahre alt, für eine rein mündliche Überlieferung in einer Bevölkerung, die in diesem Zeitraum unzählige Male die Kultur, Sprache und Herrschaft wechselte und sich immer wieder mit Neuankömmlingen mischte, eine enorme Kulturleistung! Doch 5.000 Jahre Alter sind für Sagen offensichtlich nicht ungewöhnlich, denn auch im hinteren Ötztal beschreibt die Sage vom Jäger im Hintereis relativ exakt einen Jagdfrevel, für den ein Mann von den saligen Frauen durch Verschütten bestraft wurde. 5.000 Jahre später wurde seine Leiche nach dem Zurückweichen des Similaungletschers entdeckt und mittlerweile wird angenommen, dass dieser heute unter dem Namen „Ötzi“ bekannte „Mann vom Hauslabjoch“ an einem Ritualmord starb, der nur in Fällen schlimmsten Frevels ausgeführt wurde. Auch hier konservierte die Sage die Geschichte fast so präzise wie der Gletscher und lieferte dazu noch die nötigen kultischen Hintergrundinformationen.

Quelle: Sagenhaftes Hinterbergertal, Sagen und Legenden aus Bad Mitterndorf, Pichl-Kainisch und Tauplitz vom Ende der Eiszeit bis zum Eisenbahnbau, Matthias Neitsch. Erarbeitet im Rahmen des Leader+ Projektes „KultiNat“ 2005 – 2007.
© Matthias Neitsch