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10.4 Die Zigeuner in Krungl

Zum alten Hoisbauern in der Nähe von Krungl kamen regelmäßig einmal im Jahr Zigeuner. Der Hoisbauer quartierte sie über Nacht ein und gab ihnen auch zu essen. Dafür lehrten sie ihn einmal die Kunst, aus einem Strohbündel einen einzigen Strohhalm herauszubrennen. Die Zauberei gefiel dem Hoisbauer, der damals noch ein junger Bursch war, gewaltig. Er tat den ganzen Abend nichts anderes, als in einem fort einzelne Strohhalme in den Bündeln anzuzünden und zu verbrennen. Als die Zigeuner wieder fort waren, haben sie die Kunst mitgenommen. Der Hoisbauer versuchte die Zauberei wohl noch oft, es ging aber nicht mehr, und immer verbrannte ihm das ganze Bündel samt dem einzelnen Strohhalm. Darüber wurde er so zornig, dass er die Zigeuner fortjagte, als sie im nächsten Jahr wieder kamen. Die Zigeuner zogen darauf vom Hoisbauern weg zum Randler nach Krungl, der Randler hatte aber zuwenig Platz für sie und wies sie in den Stadl hinaus. Gutmütig gingen die Zigeuner hinaus und legten sich ins Heu. Die alte Zigeunermutter aber machte mitten auf dem Boden Feuer, stellte etliche Töpfe dazu und hängte mit einem Strick einen Kessel darüber. Als der Randler sah, dass die Alte im Stadl Feuer gemacht hatte, packte ihn die Angst, die Zigeuner könnten ihm den Stadl niederbrennen. Schleunigst sprang er hin zu der Alten und schrie: „Lumpengesindel miteinander, fällt euch sonst gar nichts ein, als im Stadl da Feuer anzumachen?“ Die Alte aber beruhigte ihn und sagte: „Fürchte dich nicht, Bauer, es geschieht bestimmt kein Unglück. Halt nur die Hand hinein ins Feuer, und du wirst merken, dass man damit nichts verbrennen kann.“ Der Randler hielt die Hand hinein, und tatsächlich war das Feuer gar nicht heiß, nicht einmal warm. Trotzdem ließ er sich nicht so leicht beruhigen. Erst als die alte Frau sagte, sie würde den Stadl wieder aufbauen und den Boden mit Dukaten pflastern, wenn sie ihn anzünde, erst dann wurde der Bauer ruhiger. Er hielt viel von den Künsten der Zigeuner, aber das wollte er doch nicht glauben, dass der hölzerne Boden nicht ein Loch kriegt. Deshalb sagte er, die Frau solle wenigstens ein Brett unterlegen und auf diesem das Feuer machen. „Ist nicht ratsam.“ meinte darauf die Zigeunerin und lachte dazu. „Mir ist es aber lieber so,“ sagte der Randler und legte ein Brett hin. „Nun, wenn du nicht nachgibst, tu ich’s halt,“ antwortete die Zigeunerin, nahm das Brett und legte die brennenden Scheiter darauf. Als sie mit Kochen fertig war, untersuchte der Bauer das Brett, und da sah er, dass es nicht einmal schwarz geworden war vom Feuer. Er wollte das Brett fortnehmen, aber die alte Frau meinte, er solle es nur liegen lassen, sie könne es leicht noch einmal brauchen. Als die Zigeuner fort waren, nahm der Randler das Brett weg und da erfuhr er zu seinem Schaden, dass ihm die alte Frau gut geraten hätte. Der Boden unter dem Brett war ganz verbrannt.

Auch im Lärchenschachen, einem Waldstück in Zauchen, haben früher öfter Zigeuner gelagert. Ganz in der Nähe, beim Haus Zauchen Nr. 73 steht heute noch ein Wegkreuz, bei dem eine Zigeunerin begraben sein soll.

Quelle: Sagenhaftes Hinterbergertal, Sagen und Legenden aus Bad Mitterndorf, Pichl-Kainisch und Tauplitz vom Ende der Eiszeit bis zum Eisenbahnbau, Matthias Neitsch. Erarbeitet im Rahmen des Leader+ Projektes „KultiNat“ 2005 – 2007.
© Matthias Neitsch