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5.11 Hirtenmord am Grimmingtor

Das Wahrzeichen des oberen Ennstales ist der mächtige Grimming, der von allen Seiten aus dem Talboden ungemein wuchtig und schroff zur Höhe strebt. Lange Zeit hielt man ihn für den höchsten Berg unseres Landes. In den gewaltigen Südwänden sieht man oberhalb der Baumgrenze bei günstigem Sonnenstand recht schön und deutlich ein merkwürdiges Felsengebilde, das einem riesigen Torbogen gleicht; es ist das sagenhafte „Grimmingtor“. Dort soll der Eingang zu einer weiten Höhle sein, in der lauter Tropfsteine aus purem Gold hängen. Nur an einem einzigen Tag des Jahres öffnet sich das Tor für kurze Zeit. Wer diesen Tag und die Stunde weiß, der kann sich goldene Zapfen holen, so viel er will.

Ein junger Hirte, der einmal zufällig an diesem Tag zur bestimmten Stunde vor dem Tor stand, als es sich öffnete, nahm aus Neugierde einen fingerlangen Goldzapfen mit.

Eines Tages zechten und würfelten drei Jägerburschen des Burgherrn von Gruscharn in einer Schenke am Fuße des Grimmings. Sie hatten für den Ritter, dessen Burg dort stand, wo heute das liebliche Alpendörfchen Pürgg liegt, einen von ihm erlegten Gamsbock aus den Wänden geholt. Das wüste Geschrei der Zechenden verlockte den eben vorbeigehenden Hirten zum Eintritt in die Schenke. Lange schaute er neugierig dem Würfelspiel zu und ließ sich endlich doch bereden, am Spiel teilzunehmen. Er hatte jedoch kein Glück, denn es wurde nicht ehrlich gespielt, und er sollte schließlich eine beträchtliche Spielschuld bezahlen. Sein kleines Taschengeld reichte nicht aus, schon wollten die wüsten Gesellen nach ihm greifen, da zog der Junge zögernd aus seiner Hirtentasche den fingerlangen Goldzapfen heraus und warf ihn verächtlich den Knechten hin. Gierig griffen diese zu und wollten stürmisch wissen, woher er den Schatz habe. Der Hirte aber schwieg beharrlich und entfernte sich dann rasch. Nun war bei den Jägerburschen die Habsucht erwacht und so beschlossen sie, den Jungen ständig heimlich zu überwachen und seine Wege zu beobachten. Viele Wochen taten sie das erfolglos. Doch eines Sonntags im Frühsommer stieg der Hirte zeitlich morgens zu den schroffen Grimmingwänden auf, erreichte nach mühevoller Kletterei das Felsentor und blieb dort wartend stehen. Der Jägerbursche, der dem Ahnungslosen heimlich nachgeschlichen war, versteckte sich hinter einem Felsblock. Als es in Irdning elf Uhr schlug, öffnete sich krachend die Wand unter dem Torbogen, und schon sprang der junge Hirte ins Innere der Höhle. Dort riß er einen langen Goldzapfen von der Decke und eilte gleich wieder ins Freie.

Staunend hatte der Jäger alles beobachtet, und als der Junge glücklich lächelnd mit seinem Schatz zu Tal steigen wollte, schoß er ihm aus dem Hinterhalt den Bolzen mitten ins Herz. Mit gieriger Hast entriß er den zuckenden Händen des Ermordeten den Goldzapfen, wollte noch mehr haben und stürmte blindlings in die noch offenstehende Höhle. In diesem Augenblick schlossen sich krachend die Torflügel und der Mörder wurde niemals wieder gesehen.

Quelle: Sagenhaftes Hinterbergertal, Sagen und Legenden aus Bad Mitterndorf, Pichl-Kainisch und Tauplitz vom Ende der Eiszeit bis zum Eisenbahnbau, Matthias Neitsch. Erarbeitet im Rahmen des Leader+ Projektes „KultiNat“ 2005 – 2007.
© Matthias Neitsch