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11.10 Wunderbare Heilung im Pass Stein

So manche Sage berichtet von der wunderbaren Hilfe der Mutter Gottes „Durch den Stein“. Traudl war die Tochter eines armen Keuschlers. Ihr Vater besaß nichts als eine überschuldete Hütte, ein Fleckchen Ackergrund und zwei Ziegen. An seiner Tochter hatte der Keuschler keine rechte Hilfe. Die Gicht, diese böse Krankheit, hatte ihre Glieder verrenkt, so dass sie zu keiner Arbeit fähig war. Mühsam wackelte das Mädchen auf ihren krummen Beinen dahin, und der Stock war ihr ständiger Begleiter. Nur zwei Dinge besaß sie, die man sich nicht um alle Schätze der Welt erwerben kann, nämlich einen frohen Sinn und eine unbegrenzte Hoffnung auf die Hilfe der heiligen Maria.

Als das arme Kind wieder einmal sehr arg von der Gicht geplagt wurde, versprach es der Gottesmutter, alle Samstage für das Marienbild am Hochbrucker einen Kranz zu winden und diesen auf das Bild zu hängen, falls ihr die Himmelskönigin Linderung ihrer Schmerzen erbete. Und wirklich, die Krankheit wich von ihr. Traudl wand nun fleißig Kränze, aber leider verwelkten diese immer wieder allzu rasch, das verursachte ihr großen Kummer, denn öfter als einmal in der Woche konnte sie wegen ihrer krummen Beine nicht zum Marienbild gehen, und sie hätte doch so gerne täglich das Bild mit frischen Blumen geschmückt. Da hatte sie einmal einen Traum. Es kam ihr vor, als wände sie einen Kranz. Aber während sie noch die Blumen in der Hand hielt, verdorrten sie schon. Enttäuscht wollte sie die Blumen wegwerfen, als ein kleines Mädchen daher kam. Dieses holte aus der Hütte einen Teller, legte Vergissmeinnicht-Blümchen so darauf, dass die Stengel in der Mitte zusammenliefen, die Blüten dagegen strahlenförmig über den Tellerrand hinaus ragten. Dann nahm es einen glatten Stein und legte diesen in die Mitte des Tellers auf die Stengel der Blumen. Nachdem es noch Wasser in den Teller gegossen hatte, sagte es: „Stelle den Teller sammt den Blumen hin zum Mutter-Gottes-Bild. Alle Samstage, solange du Vergissmeinnicht finden kannst, vertausche die alten Blumen mit neuen, und in kurzer Zeit wirst du von deinen Gebrechen geheilt sein. Zum Zeichen, dass ich wahr gesprochen habe, werden sich die Blüten erheben und aufrecht stehen und einen frischen, schönen Kranz bilden.“

Als Traudl nach dem Traum am Morgen erwachte, es war gerade ein Samstag, suchte sie schon in aller Früh nach Vergissmeinnicht. Diese legte sie so auf einen Teller, wie sie es im Traum gesehen hatte. Mühselig humpelte sie zum Bild der Gottesmutter, stellte die Blumen davor und verrichtete inbrünstig ihre Andacht.

Acht Tage später kam sie wieder mit einem neuen Blumenstrauß. Doch siehe: die alten Blumen waren noch so frisch und blühten und grünten wie neugebrochen und alle hatten ihre Köpfchen zur Muttergottes erhoben, als ob sie hinaufstreben wollten zu ihr. Voll Staunen betrachtete Traudl das Wunder. Sie wechselte die Blumen aus und betete voll Vertrauen zur Himmelskönigin.

Schon nach kurzer Zeit dehnten sich ihre Glieder und bald war sie von ihrem Leiden erlöst.

Quelle: Sagenhaftes Hinterbergertal, Sagen und Legenden aus Bad Mitterndorf, Pichl-Kainisch und Tauplitz vom Ende der Eiszeit bis zum Eisenbahnbau, Matthias Neitsch. Erarbeitet im Rahmen des Leader+ Projektes „KultiNat“ 2005 – 2007.
© Matthias Neitsch