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3.6 Geschichtlicher Hintergrund der Sagenüberlieferung im Hinterbergertal

In der letzten Eiszeit („Würm-Eiszeit“) war das gesamte Hinterbergertal von Eis bedeckt. Nach dem Abschmelzen der Gletscher vor etwa 10.000 Jahren wurden die Alpen nach und nach besiedelt - von wo aus, das ist weitgehend unbekannt – entgegen herkömmlicher Geschichtsmeinung sprechen jedoch viele Indizien eher für eine Besiedelung von Osten und Süden her, als von Norden. Geologisch sind im Hinterbergertal postglaziale Seen belegt, die nach dem Abschmelzen der Gletscher zurückblieben. Vermutlich gab es zu dieser Zeit bereits Menschen im Hinterberg – archäologische Funde im Lieglloch bei Tauplitz lassen sogar bereits vor letzten der Eiszeit, nämlich vor ca. 50.000 Jahren, auf die zumindest zeitweise Anwesenheit nomadischer Jäger schließen. Die Mythen der nacheiszeitlichen Jäger rankten sich vermutlich bereits um diese Seen. Vielleicht sind die Sagen vom Lindwurm am Grimmingboden und in einem See in der Klachau letzte Reste solcher Mythen.

In ur- und frühgeschichtlicher Zeit gehörte unsere Region zum Kerngebiet einer alten  zentraleuropäischen Hochkultur, nämlich der keltischen Kultur der „Hallstatt“- und „La Tene“- Zeit rund um den bereits seit mindestens 4000 Jahren nachgewiesenen Salzbergbau in Hallein und Hallstatt. Funde belegen alte Salztransportwege auch durch das Gebiet des Hinterbergertales, wurde doch das Hallstätter Salz schon im ganzen Ostalpen- und Mittelmeerraum gehandelt, als gerade erst die ägyptischen Pyramiden erbaut wurden, noch lange bevor Rom überhaupt gegründet war.

Entlang solcher Wege findet man immer wieder seltsame Schalensteine, deren Bedeutung nicht eindeutig wissenschaftlich geklärt ist. Vieles deutet darauf hin, dass diese Steine kultische Bedeutung hatten. Im Hinterberg ist mindestens ein solcher Stein im Pötschenwald am Rande eines alten Salztransportweges bekannt. In diesem Bereich  gibt es zahlreiche Hinweise auf einen vorchristlichen Kultplatz. So ist der Pötschenwald Schauplatz einer Variante der Sage vom „vergessenen Kind im Berge“, die nach Meinung von Georg Rohrecker mit vorchristlichen Totenkulten zu tun haben könnte, worauf auch Flurbezeichnungen mit keltischen Wortstämmen („Pötschen“, „Roßkogel“) hinweisen sollen (siehe Rohrecker, Georg: Druiden, wilde Frauen, Andersweltfürsten. Das keltische Erbe in Österreichs Sagen; Wien 2002). Auch die Sterbeglocke der Kirche Maria Kumitz soll unter einem Stein im Pötschenwald gefunden worden sein – ebenfalls ein Hinweis auf einen Totenkult und auf den Schalenstein. Ein ganz ähnlicher Schalenstein befindet sich auf der Aussenseite der Grundmauer der Leonhardkirche im Ortsteil St. Leonhard in Bad Aussee, die ebenfalls an diesem Salztransportweg liegt.

So dürfte das Hinterbergertal bereits seit mindestens 4000 Jahren besiedelt oder zumindest zeitweise begangen worden sein, wie bronzezeitliche Funde am Ödensee und in den Almgebieten der östlichen Dachsteinausläufer belegen. Der Ostalpenraum war zur Zeit des keltischen Königreiches Norikum (ein loser Zusammenschluß zahlreicher keltischer Stämme der Ostalpen ab dem 2. vorchristlichen Jahrhundert) eine der reichsten Regionen Europas. Dies war möglich durch eine hochorganisierte arbeitsteilige Gesellschaft, den beachtlichen Fernhandel mit ganz Europa auf der Basis des technologisch hochentwickelten Abbaus von Salz und Gold sowie durch das damals „weltweit“ begehrte norische Eisen und die norischen Schafwollprodukte, außerdem durch den „Technologievorsprung“ der Kelten - sie erfanden neben dem Rad vor allem moderne Ackerbau-, Bergbau- und Handwerkstechniken, die teilweise erst im 18. Jahrhundert n. Chr. weiterentwickelt wurden! So erweckte Norikum schon sehr früh die Begehrlichkeiten der Römer, die es sich dann im Zuge einer kampflosen Besetzung einverleibten.

Viele Bergbausagen und Sagen von Schätzen in den Bergen stammen möglicherweise aus dieser Zeit, denn die sagenhaften Anderswelten im Innern der Berge, die Verschiebungen der Zeitdimensionen, die Sagengestalten der Saligen Frauen, Bergmandln und Venedigermandln und andere Motive deuten auf keltische Mythen hin.

Auch zur Zeit der römischen Okkupation von Norikum (15 v. Chr. – 475 n. Chr.) dürfte unsere Region besiedelt gewesen sein, wie Almfunde und Funde an der Heilquelle in Bad Heilbrunn (Gemeinde Bad Mitterndorf) zeigen. Wie man heute weiß, hatten die „Römer“ (eigentlich romanisierte Kelten) die bodenständige Bevölkerung keinesfalls vertrieben – wahrscheinlich gab es in Wirklichkeit wohl nur äußerst wenige „echte“ Römer bei uns. Vermutlich wurde das Land lediglich von einigen römischen Soldaten und Verwaltungsbeamten kontrolliert, während ansonsten kulturell teilweise romanisierte einheimische Kelten Handel und Wirtschaft prägten. Ähnlich wie die erste Christianisierungswelle dürfte sich die römische Kultur eher nur in den städtischen Zentren verbreitet haben. Der berühmte „Römerstein“ von Heilbrunn scheint eine Votivgabe eines romanisierten Kelten an der schon damals bekannten Heilquelle zu sein, die vermutlich nicht nur medizinisch sondern vor allem kultisch genutzt wurde. Der Stein stellt einen Priester bei einem Opfer und drei Quellnymphen dar, was ein typisch keltisches Motiv im Ostalpenraum zu sein scheint und auf die dreigestaltige weibliche Göttin hinweist, die ja in den Sagen der drei saligen Frauen bis heute überlebt hat. Sogar das alpine Christentum konnte die „heiligen drei Madln“ - Margaretha, Barbara, Katharina – bis heute nicht aus der Volksfrömmigkeit ausmerzen, und so sind noch heute viele inneralpine Kirchen , Kapellen und Marterln diesen ehemaligen keltischen Göttinen geweiht.

Die Bevölkerung des Hinterbergertales war vermutlich kaum romanisiert, sondern auch nach dem Abzug der römischen Verwaltung und Armee (475 n. Chr.) bis ins 8. Jahrhundert n. Chr. stark keltisch geprägt, wobei im Laufe der Völkerwanderungszeit (4. – 8. Jahrhundert) slawische Einflüsse immer mehr dominierten. Slawisch geprägte Kultur ist im Hinterbergertal bis ca. ins 8. Jahrhundert n. Chr. durch Gräberfunde in Krungl belegt.

Die Bezeichnungen für die Almen Steinitzen, Goseritz, Axles, Eibl, Finet, Sill, die Berge Zinken, Kumitz, Radling, sowie die Ortsnamen Kainisch, Knoppen, Krungl, Rödschitz, Zauchen, Tauplitz, u.a. sind slawischen Ursprungs.

Die Völkerwanderungszeit brachte wechselvolle Herrschaften, doch wie man heute weiß, wurde dabei keinesfalls bei jedem Wechsel einer neuzugewanderten Oberschicht die einheimische Bevölkerung völlig ausgerottet und durch Neuankömmlinge ersetzt. Vielmehr fand – durch die jeweilige herrschende Oberschicht gefördert, ein langsamer Wandel von Kultur und Sprache statt. So wurden auch die alten Sagen und Legenden weiterhin überliefert, doch sie bekamen nach und nach eine andere Gestalt. Viele Inhalte waren den Menschen fremd geworden, deshalb wurden die Überlieferungen immer ungenauer, kürzer und aus den ursprünglichen Zusammenhängen gerissen, auch dürften die Zuwanderer zahlreiche neue Sagen mitgebracht haben, die sich dann mit den bodenständigen Sagen vermischten und diese überlagerten.

Im Frühmittelalter, ca. um das Jahr 800 n. Chr., wurde die slawisch – keltische Kultur von den zuletzt zugewanderten Siedlern aus dem Herzogtum Bayern (Bajuwaren – ein germanischer Stamm mit böhmisch-keltischen Wurzeln) überlagert und neu geprägt, wobei auch hierbei über mindestens 2 – 3 Jahrhunderte, durch Gräberfunde belegt, eine langsame Vermischung der älteren mit der neueren Kultur stattgefunden hat, und möglicherweise auch hier lediglich eine Oberschicht tatsächlich bajuwarischer Herkunft war. Dies allerdings bedingte die politische Ausrichtung unserer Region auf das damals entstehende deutsche Reich der Karolinger.

Die Bajuwaren intensivierten die Besiedelung und landwirtschaftliche Nutzung durch zahlreiche Rodungen (Reithen) im Hinterbergertal und schufen somit neues Acker – und Wiesenland. Sie gaben den Ortschaften Mitterndorf, Pichl, Reith, Mühlreith, Heimreith ihre heutigen, bajuwarischen Namen. Es erfolgten weitere Christianisierungsbemühungen der bis dahin noch immer weitgehend „heidnisch“ (keltisch) geprägten Landbevölkerung, doch erst um das Jahr 1000 dürfte die Bevölkerung flächendeckend christianisiert gewesen sein. Die sagenhafte Vertreibung der Wildfrauen vom Reithartlkogel durch Verspottung und üble Machenschaften junger Burschen scheint eine letzte Erinnerung an die teils gewaltsame Ausmerzung der vorchristlichen Religion zu sein.

Die ersten Christen mussten sich zunächst mit der Kirche in Pürgg und ca. ab dem 13./14. Jahrhundert mit der Kirche in Mitterndorf begnügen, bis 1773 auch am Kumitzberg bei Obersdorf (Gemeindegebiet Bad Mitterndorf) eine eigene Kirche für die Bewohner des westlichen Hinterbergertales gebaut wurde, schließlich 1788 die Kirche in Tauplitz (nachdem dort der Protestantismus schon vorher stark verbreitet war, was um 1750 zu massenhaften Deportationen von protestantischen Tauplitzern nach Ungarn und Siebenbürgen führte und den Kirchenbau als Festigung der katholischen Vorherrschaft begünstigte).

Bei so wenig kirchlicher „Betreuung“ bis ins 18. Jahrhundert war es nicht verwunderlich, dass die vorchristlichen Kulte in vielen Volksbräuchen und auch christlichen Bräuchen weiterhin lebendig blieben (Nikolospiel, Rauhnachtsbrauchtum, Osterbräuche, Maibaum, Sonnwendfeuer, Marienverehrung, Heiligenverehrung, Bergmessen, kirchliche Prozessionen, Marterln, etc.), wenngleich dies heute niemand mehr als Widerspruch empfindet.

Die mittelalterliche feudale Gesellschaftsordnung mit dem Lehenswesen als zentralem Element erfasste nun mit der bajuwarischen Kultur auch das Hinterbergertal und nach und nach wurden die bäuerlichen Siedlungen und Höfe adeligen oder kirchlichen Grundherren bajuwarischer Herkunft unterstellt, wie zahlreiche mittelalterliche Urkunden belegen. Nun mussten Steuern und Naturalabgaben an die Grundherren abgeliefert werden. Die herrschaftliche Ausbeutung der einst freien Bevölkerung setzte ein und wurde über die Jahrhunderte immer intensiver, was wiederholt zu blutigen Auseinandersetzungen („Bauernaufständen“) führte, von denen auch das Hinterbergertal nicht verschont blieb.

Im Mittelalter dürfte sich auch der sprachliche Wandel von der slawisch-keltischen Sprache der Einheimischen zur mehr und mehr dominierenden deutschen Sprache (bajuwarischer Dialekt) der Grundherren, Krieger, Verwalter, Kirchenleute, Händler, und Handwerker endgültig vollzogen haben, ein Prozess, der wie das neuere Beispiel von Südkärnten im 20. Jahrhundert zeigt, innerhalb weniger Generationen stattfinden kann, ohne dass deshalb gleich die ganze Bevölkerung „ausgetauscht“ werden muss. Das bedeutet, dass entgegen der noch immer gängigen „Germanisierungstheorien“ wahrscheinlich sehr viele Einheimische im Hinterbergertal zum Teil direkt von der keltischen Urbevölkerung vor 4000 Jahren abstammen.

Die bajuwarischen Siedler prägten den Namen Samer (von den „Säumer“- oder „Saum“-wegen, das sind Wege für Transporttiere, wie Maultiere, Esel, Pferde). Das Salz der Saline Aussee wurde überwiegend von den Bauern des Hinterbergertales mit Saumtieren („Säumer“) und Wagen bis nach Rottenmann und darüber hinaus gebracht. Eine der Transportrouten führte von Aussee über den Radling durch die Ortschaften Kainisch, Pichl, Knoppen, am Südrand der Laasen entlang, dann durch den Pötschenwald, das Kragl und den Pass Stein ins Ennstal. Zahlreiche Sagen erzählen vom regen Handelskontakt zwischen den Hinterbergern und den Italienern. Salz wurde allerdings nicht nur legal transportiert, sondern von der einheimischen Bevölkerung auch gerne zur Aufbesserung des kargen Einkommens geschmuggelt, wovon sowohl Sagen und Legenden als auch Gerichtsprotokolle des Salzamtes in Bad Aussee zeugen.

In der Zeit der Religionskriege gab es wechselnde Dominanz der Konfessionen, auch im Hinterbergertal sind Verfolgungen und Deportationen von Protestanten belegt, diese finden in Sagen und Legenden allerdings keinen Niederschlag, offenbar war die Erinnerung daran für die Nachkommen der Opfer zu schmerzlich und für die Nachkommen der Täter und Mitläufer zu unbequem – ein ähnlicher Verdrängungsmechanismus wie jener nach der Zeit des Nationalsozialismus.

Große Teile des Landbesitzes, insbesondere Wälder, Gemeinschaftsweiden und Almen wurden in dieser Zeit noch immer gemeinschaftlich genutzt. Der zunehmende „Energiehunger“ der Salinenindustrie im Ausseerland (auch in der Sage vom bösen Holzmeister im Klausgraben überliefert) führte aber zu immer größerem Holzeinschlag der Wälder und Beweidung der Weideflächen durch salineneigene Nutztiere, was im ganzen Salzkammergut zu ernsten Konflikten mit den einheimischen Bauern führte. Diese Konflikte wurden im 18. Jahrhundert dadurch gelöst, dass alle gemeinschaftlich genutzten Flächen der herrschaftlichen Saline (dem „Salzamt“) unterstellt wurden, und die landwirtschaftlichen und gewerblichen Anwesen urkundlich mit immerwährenden Weide-, Holz- und Streubezugsrechten ausgestattet wurden. Diese Rechte sind großteils bis heute aufrecht und sichern einen nicht unwesentlichen Teil des bäuerlichen Einkommens aus der Holz- und Almwirtschaft.

Die letzte Welle der flächendeckenden Christianisierung (eigentlich muss es jetzt heißen „römische Katholizierung“) fand im Ostalpenraum im 18. Jahrhundert statt, also nach der Ausmerzung der letzten heidnischen Kulturreste im Zuge der Hexenverfolgungen. In dieser Zeit entstand auch der Kreuzweg (1717) und später die Kirche (1773) am Kumitzberg, deren Entstehung durch eine Legende überliefert wird.

Wie schon im 16. Jahrhundert die Türkenkriege, lieferten auch die Franzosenkriege (um 1800) noch Stoff für Legenden, so jene vom roten Seidenfaden oder vom Franzosenkreuz. Die mystische Tiefe der vorchristlichen Sagen erreichten diese jedoch nicht mehr. Dennoch dürften die alten Sagen noch weiterhin intensiv  überliefert worden sein, und bekamen im 18. und 19. Jahrhundert dann jene – stark durch christliche Interpretation geprägte – Form, die dann von den gebildeten adeligen und bürgerlichen Sagensammlern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts aufgezeichnet wurde (Krainz, Lobenstock, Andrian, Reiterer).

Im ausgehenden 19. Jahrhundert sah das Hinterbergertal die heraufdämmernde Industrialisierung, und die Sagen wurden zunehmend als „Altweibergeschichten“ und primitiver Aberglaube abgetan. So riss die Überlieferung allmählich ab. Die vermutlich letzte Sage des Hinterbergertales ist jene vom Grimmingmandl beim Eisenbahnbau (1876), die sehr berührend das unwiederbringliche Ende der mystisch geprägten Sagenkultur des Hinterbergertales an der Schwelle zum Industriezeitalter markiert. Bezeichnenderweise ist gerade die Eisenbahn in unserer modernen Kultur ein Symbol für Abschied, Neubeginn und Wandel.

Quelle: Sagenhaftes Hinterbergertal, Sagen und Legenden aus Bad Mitterndorf, Pichl-Kainisch und Tauplitz vom Ende der Eiszeit bis zum Eisenbahnbau, Matthias Neitsch. Erarbeitet im Rahmen des Leader+ Projektes „KultiNat“ 2005 – 2007.
© Matthias Neitsch