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6.9 Der Geist beim Bichlmoar

Zum Bichlmoar ist jede Nacht ein Geist gekommen. Sobald es gedämmert hat, ist er erschienen und bei Tagesanbruch ist er wieder verschwunden. Sein Kommen und Gehen hat man nie beobachten können; auf einmal ist er da gewesen und plötzlich ist er wieder verschwunden. Dieser Geist hat überhauptnichts getan, er ist einfach nur ruhig auf dem Boden gesessen, als ob er auf etwas aufpassen müsste. Sein Oberleib sah aus, wie bei gewöhnlichen Menschen, aber seine Beine waren schrecklich lang. Mit dem Buckel hat er sich neben der Haustür an der Mauer angelehnt, die Beine hat er zur Wand gestreckt und mit den Fußsohlen hat er die Wand berührt, in der die hintere Haustür eingemauert ist,. Er hat niemandem etwas zuleide getan und die Leute haben sich auch nicht vor ihm gefürchtet.

Einmal in der Christnacht hat die Brenntlerin daheim bleiben müssen, während die anderen Leute in die Mette gegangen sind, weil beim Bichlmoar damals gerade eine Kuh krank war und Pflege brauchte. Die Brenntlerin traute sich aber nicht, allein zu bleiben, und so musste ein zwölfjähriges Dirndl bei ihr bleiben. Um Mitternacht fährt draußen auf der Gasse plötzlich etwas daher, wie „`s wilde G’joad“ (Anm.: die „Wilde Jagd“). Die beiden Frauen haben durch das Fenster gesehen, wie vier kohlschwarze Rappen einen Wagen ziehen. Mehrere geisterhafte Gestalten haben geschrien und gelärmt und auf die Pferde eingeschlagen, dass die Fenster gezittert haben. Die Rappen sind so fest mit den Hufen aufgetreten, dass die Steine sogar unterm Schnee Funken geschlagen haben. Vor dem Haus kam die wilde Fahrt zum Stillstand. Die dunklen Gestalten sind bei der Haustür hereingestürmt, sind hinauf über die Stiege und haben von oben eine alte Truhe heruntergeworfen, die sie auf den Wagen gelegt und fortgeschafft haben. Unterdessen sind die schwarzen Pferde zum Fenster gekommen und haben so stark hereingewiehert, dass das Licht in der Stube ausgegangen ist. Durch den Hausgang in die Küche zu gehen haben sich die beiden Frauen nicht getraut und in der Stube konnten sie ohne das Herdfeuer kein Licht mehr machen. Das junge Dirndl hat aber doch so viel Mut gehabt, und ist durch die Durchreiche hinausgekrochen, die von der Stube in die Küche geht, hat draussen mit einem Schwefelholz das Licht angezündet und ist wieder durch das Loch herein. Aber die Pferde haben das Licht dreimal ausgelöscht und dreimal ist das Dirndl in die Küche hinaus. Als die Glocken der Mitterndorfer Pfarrkirche zur Wandlung geläutet haben, sind die Geister mit Gejohle wieder davongebraust.

Nach der Mette sind die Leute nach Hause gekommen. Sofort ist ihnen aufgefallen, dass der Geist mit den langen Füßen nicht mehr da war. Die Frauen, die daheim geblieben waren, erzählten alles, was während der Mette beim Haus geschehen war. Am nächsten Morgen sind die Männer hinauf unters Dach gegangen, wo die Truhe gestanden hatte, die die Geister in der Nacht weggebracht hatten. Die Truhe stand aber wieder auf dem gleichen Platz. Darauf haben sie die Truhe aufgebrochen und fanden darin einen doppelten Boden. Zwischen den beiden Böden muss wohl ein Schatz gewesen sein, den die schwarzen Gestalten abgeholt haben. Der Langfüßige aber hatte all die Jahre den Schatz bewacht; und weil dieser jetzt fort war, ist auch der Geist nicht mehr gekommen und alle haben ihn sehr vermisst.

 

Der Bichlmoar (=Pichlmayer)-Hof befindet sich nordwestlich von Mitterndorf im Ortsteil Reith.

Quelle: Sagenhaftes Hinterbergertal, Sagen und Legenden aus Bad Mitterndorf, Pichl-Kainisch und Tauplitz vom Ende der Eiszeit bis zum Eisenbahnbau, Matthias Neitsch. Erarbeitet im Rahmen des Leader+ Projektes „KultiNat“ 2005 – 2007.
© Matthias Neitsch