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12.2 Der Birigstutzen

Oben im Gewirr der Steintrümmer des toten Gebirges haust ein Tier, das nur von wenigen Menschen gesehen und von niemand näher beschrieben worden ist. Es ist der so gefürchtete Birigstutzen. Der Birigstutzen hat die Größe eines Wiesels, ist außerordentlich flink, dabei aber auch scheu und ungewöhnlich zornig, sobald er einen Menschen erblickt. In diesem Fall kann man sich nur mit List retten. Der Birigstutzen kommt so schnell heran, wie der Blitz, und fährt dem Menschen durch den Leib, so dass dieser augenblicklich tot zu Boden sinkt. Das Loch, das der Birigstutzen durch den menschlichen Körper bohrt, ist nur klein, so klein, als hätte eine Kugel die Wunde verursacht.

Ein Jäger, so wissen die Hinterberger zu erzählen, sah einst, als er gerade an eine Gams heranpirschen wollte, einen Birigstutzen, welcher hinter einem Stein lag und schlief. Starr vor Schreck blieb der Jäger einen Augenblick stehen. „Wenn jetzt der Birigstutzen erwacht, dann ist es aus mit mir!“ dachte er. Um ja kein Geräusch zu verursachen, kroch er auf allen Vieren langsam zurück. Als er ein Stück weit gekommen war, zog er seinen Rock aus, den er mit auseinandergespreizten Ärmeln über einen Stein legte. Den Hut legte er ebenfalls auf den Stein, so dass es aussah, als stünde ein Mensch dort. Nun versteckte er sich in einer Felsspalte. Kaum saß er in seinem Versteck, als ein leichter Wind daherfuhr. Davon erwachte der Birigstutzen. Er hob seinen Kopf und sah den Rock, den der Jäger über den Stein gelegt hatte. Das Tier glaubte, es sei wirklich ein Mensch dort. Es machte sich zum Sprung bereit, tat einen leichten Pfiff und schnellte in einem Bogen auf den Rock zu. Der Anprall war so heftig, dass der Birigstutzen in tausend Stücke zerschellte. Der Rock war allerdings nicht mehr zu gebrauchen; das Gift des Tieres hatte ihm zahlreiche Löcher eingebrannt. Der Jäger dagegen war gerettet.

Quelle: Sagenhaftes Hinterbergertal, Sagen und Legenden aus Bad Mitterndorf, Pichl-Kainisch und Tauplitz vom Ende der Eiszeit bis zum Eisenbahnbau, Matthias Neitsch. Erarbeitet im Rahmen des Leader+ Projektes „KultiNat“ 2005 – 2007.
© Matthias Neitsch