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6.3 Der Alperer auf der Schneckenalm

Sobald die Almen im Herbst von Mensch und Vieh verlassen werden, zieht der Alperer in die Almen ein. In der Nacht, gewöhnlich um die elfte Stunde, kommt er mit seinen Tieren, seinem Gefolge und allen Almgeräten daher. Da wird dann das Vieh gemolken, Butter und Käse bereitet, die Milchgefäße gereinigt und dazu gejohlt, gescholten, geflucht und gestritten. Am Morgen vor Sonnenaufgang aber verlässt der Alperer lärmend und schreiend die Alm und hinterläßt nicht die geringste Spur. Mancher Bauer versucht seine Alm vor dem Besuch des Alperers dadurch zu schützen, dass er in die Türschwelle der Hütte drei Kreuze einschneidet. Eine so geheiligte Alm besucht der Alperer nie. Verwehrt ihm aber nichts den Eintritt in die Hütte und er trifft dort einem Menschen an, so wird dieser unbarmherzig seinem Gefolge einverleibt. Für einen solchen Menschen gibt es keinen Tod und keine Erlösung bis zum jüngsten Tag. Immer muss er mit dem Alperer ziehen, muss mit ihm fluchen und schreien und schelten und lärmen, muss sich schinden und plagen bei angestrengter Arbeit und muss sich dafür noch prügeln lassen.

Vor vielen Jahren wurde ein Jäger in den großen Wäldern des Öderntales von der Nacht überrascht und so suchte er Unterschlupf in der nahegelegenen Schneckenalm. Er wusste, wo der Schlüssel zu einer der Hütten verborgen war, suchte denselben hervor und sperrte die Türe auf. Dann stieg er über eine Leiter hinauf in den Raum, der sich über der Milchkammer befand, und legte sich ins Heu. Sein getreuer Dackel, der oberhalb der Augen zwei helle Flecken hatte, war bei ihm, und als Schutz trug er außer dem Gewehr auch noch einen Hirschfänger, ein Messer, in dem drei Kreuze eingeprägt waren. Gegen Mitternacht wurde er plötzlich durch lautes Brüllen, Lärmen und Schreien aufgeschreckt. Ängstlich und dabei neugierig horchte er auf die in dieser Jahreszeit – es war bereits Spätherbst – ungewöhnlichen Laute. Nach kurzer Zeit öffnete sich die Tür und herein trat ein Mann, der in grobem Loden gekleidet war. Hinter ihm kamen noch einige Männer und Frauen, dem Aussehen nach Halter und Sennerinnen. Vor der Hütte aber begann ein Rumoren, als wäre eine große Viehherde zu versorgen. Der Mann, der zuerst eingetreten und allem Anschein nach der Anführer war, betrachtete einen Augenblick misstrauisch die Leiter, die an der Milchkammer lehnte, zog seine Stirne in drohende Falten und schrie mit zornbebender Stimme: „Hollah, du einfältiges Menschenkind da droben, komm nur herab und geh mit mir! Kann dich gerade noch brauchen für meine Peitsche.“

Nun wusste der Jäger, dass der fremde Mann der Alperer war. Er blieb ruhig liegen, nahm aber den Hirschfänger fest in die Hand. Der Hund jedoch sprang auf, stellte sich kampfbereit neben seinem Herrn und fletschte drohend die Zähne.

Als der Jäger der zweiten Aufforderung, herunterzukommen, auch nicht gehorchte, stieß der Alperer ein grässliches Gebrüll aus und stieg die Leiter hinauf. Kaum aber stand er so hoch, dass er den Raum oberhalb der Milchkammer überblicken konnte, als er auch schon mit Gepolter herab- und zu Tür hinaussprang.

„Flieht, flieht,“ schrie er, „da ist ein vieräugiger Beiß droben und ein Dreikreuzmesser!“

Wie ein gehetztes Wild floh der Alperer von der Alm und der Jäger war gerettet, gerettet durch seinen Hund, der wegen der zwei hellen Flecken oberhalb der Augen scheinbar vier Augen besaß, und gerettet durch die drei Kreuze, die in dem Hirschfänger eingeprägt waren.

Vor diesen zwei Dingen, nämlich einem Hund mit vier Augen und einem Dreikreuzmesser hat der Alperer heillosen Respekt. Sobald er sie erblickt, nimmt er Reißaus und lange Zeit wagt er sich nicht mehr an den Ort, wo er durch sie verjagt worden ist.

Dreikreuzmesser findet man noch heutzutage so manche in Hinterberg. Man schreibt ihnen die Kraft zu, auf eine Wunde gehalten, das Blut zu stillen, auf eine Geschwulst gepresst, diese zu vertreiben. Wird ein Feind mit einem solchen Messer gestochen, so ist die Wunde unheilbar, und wird es von einem Dieb entwendet, so verwundet er sich selbst damit.

 

Neben den Dreikreuzmessern gab es auch sehr viele Neunkreuzmesser unter den Jägern. Die Wirkung sollte durch die drei mal drei noch weitaus größer sein. Zahlreiche derartige Messer aus historischer Zeit sind heute im Heimatmuseum Strick zu besichtigen.

Quelle: Sagenhaftes Hinterbergertal, Sagen und Legenden aus Bad Mitterndorf, Pichl-Kainisch und Tauplitz vom Ende der Eiszeit bis zum Eisenbahnbau, Matthias Neitsch. Erarbeitet im Rahmen des Leader+ Projektes „KultiNat“ 2005 – 2007.
© Matthias Neitsch