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8.1 Der Absturz der Sennerin im Pass Stein

Westlich des Grimming liegt eine Alm, die früher „Bergereck“ hieß. In der Almhütte, wohnten zwei Schwaigerinnen, Marie, ein frommes, unschuldiges Mädchen, und Leni, die voll Begierden, Leichtsinn und sündigen Gedanken war. Einst, bei Tagesanbruch gingen beide aus der Hütte, um nach dem Vieh auf der Alm zu schauen. Sie spähten und schauten, aber vergeblich; sie eilten durch Klüfte und über Höhen, aber nirgends fand sich eine Spur vom Almvieh. Über ihr Suchen brach die Nacht herein, und ein heftiges Gewitter entlud sich über ihnen, Blitze durchzuckten die dunkle Nacht und der Donner brüllte furchtbar. Die beiden Mädchen versuchten die Hütte zu erreichen, aber bald konnten sie nicht mehr weiter; es war finster, dass man keinen Schritt weit sehen konnte und ausserdem drohten überall tiefe grausige Abgründe.

Marie sagte, sie würde sich nicht mehr vom Fleck rühren, und betete, daß Gott sie in dieser schrecklichen Sturmnacht vor Todesgefahr bewahren möge. Leni aber lachte über die Furcht und Frömmigkeit ihrer Kameradin und eilte trotz allen Flehens, trotz aller Bitten und Warnungen von Marie weiter in das schwarze Dunkel der Nacht hinein. Bald darauf hörte Marie einen ängstlichen, herzzerreissenden Aufschrei; er kam von Leni, die in der Dunkelheit einen falschen Schritt getan hatte und viele hundert Meter hinab in den tief unten in der Schlucht des Passes Stein vorbeirauschenden Salzabach gestürzt war.

Marie betete für die unglückliche Leni, bis der Sturm vorüber war. Und als der Tag anbrach, sah sie an einem Strauch den Haarzopf ihrer unglücklichen Kameradin.

An der Stelle, an der Leni abgestürzt war, wurde später ein Kreuz errichtet und zur Warnung befestigte Marie den Haarzopf des unglücklichen Mädchens daran.

Quelle: Sagenhaftes Hinterbergertal, Sagen und Legenden aus Bad Mitterndorf, Pichl-Kainisch und Tauplitz vom Ende der Eiszeit bis zum Eisenbahnbau, Matthias Neitsch. Erarbeitet im Rahmen des Leader+ Projektes „KultiNat“ 2005 – 2007.
© Matthias Neitsch