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16. Der Spielmann von Krems.

In Krems stand vorzeiten am Kainachufer eine Keusche, in der eine Mutter mit ihrem Sohn wohnte.

Da kam einmal ein böhmischer Musikant vorbei und bat um Herberge. Er konnte so gut geigen und Zither spielen, daß der Bub auch Spielmann werden wollte. Seiner Mutter war es recht, und so blieb der Böhm bei ihnen und machte aus dem Buben einen tüchtigen Spielmann. Bald konnte der Schüler viel besser musizieren als der Meister. Da nahm er Abschied von seiner Mutter, zog in die Fremde und spielte in Burgen, Schlössern und Städten.

Als er wieder einmal in einer Burg spielte, lobten ihn alle, und er mußte bleiben, um die Tochter des Ritters im Geigenspielen und im Zitherschlagen zu unterrichten. Obwohl sie mit einem Junker verlobt war, gewann sie den Spielmann von Tag zu Tag lieber und war ihm schließlich mehr zugetan als ihrem Verlobten.

Einmal, als der Spielmann mit dem Edelfräulein im Burggarten spazieren ging, vertrat plötzlich der Junker beiden den Weg und wollte in seiner Wut den Spielmann töten. Dieser aber sprang noch rechtzeitig in den tiefen Burggraben, wo er bewußtlos liegen blieb. In der Nacht schlich das Fräulein in den Garten und stieg in den Graben hinab. Der Spielmann lag noch immer unten. Sie weckte ihn aus seiner Ohnmacht und beschwor ihn, so schnell als möglich zu fliehen. Dann nahmen beide schweren Herzens voneinander Abschied.

Der Spielmann zog in seine Heimat, und als er über den Kremserberg ging, freute er sich schon sehr auf das nahe Wiedersehen mit seiner Mutter. Doch vergebens suchte er die Keusche, und als er beim Wirt fragte, erfuhr er, daß ein Hochwasser der Kainach das Häuschen samt der alten Frau weggerissen hatte. — Da wurde der Spielmann traurig, suchte sich auf dem Kremserberg eine Höhle und lebte hier einsam und vergessen. Um sein letztes Geld kaufte er sich eine Ziege, um wenigstens frische Milch zu haben. Die Leute aber sagten ihm, daß die Ziege eine „Habergeiß" sei, und er solle sie deshalb in der Kainach ertränken. Darauf nahm der Spielmann ein Netz und steckte die Geiß hinein, um sie so ins Wasser zu werfen. Als er am Ufer stand und die Geiß eben in die Kainach schleudern wollte, blieb das Netz an den Knöpfen seiner Kleider hängen, so daß er samt der Geiß ins Wasser stürzte, sich darin im Netz noch mehr verfing und elend ertrinken mußte.

Quelle: Was die Heimat erzählt, Die Weststeiermark, Das Kainach-, Sulm- und Laßnitztal. Herausgegeben von Franz Brauner. Steirische Heimathefte. Graz 1953.
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