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12. Der Schatz in der Ruine Obervoitsberg.

Einfältige Menschen glaubten früher, daß in fast allen Burgen und Ruinen große Schätze verborgen seien. Manche wollten sogar diese Schätze heben, haben die Mauern durchbrochen, Gänge gegraben, Gewölbe zerstört, — aber gefunden haben sie höchstens alte Scherben und meistens gar nichts.

So erzählen die Leute des Kainachbodens, daß in den Kellern der ehemaligen Burg Obervoitsberg schweres Münzgold verborgen sei. Riesige Fässer sollen es sein, die bis oben hin mit blanken Goldstücken gefüllt sind. Natürlich kann man diesen Schatz nur in der Mitternachtsstunde heben, und der gute Mond muß dazu geheimnisvoll leuchten.

Einmal hörte ein Wanderbursch von diesem Schatz erzählen, als er in der Herberge beim Abendbrot saß. Gedacht — getan! Noch in derselben Nacht, es war gerade Vollmond, schlich er längs der Ringmauer auf den Schloßberg. Lange suchte er oben herum, fand endlich einen Gang und kam in ein weites Gewölbe. Hurra! da standen in langer Reihe viele Fässer! Schnell öffnete er das erste Faß, aber o weh! nur faustgroße Kieselsteine waren darinnen. Aufgeregt und enttäuscht wollte er noch ein zweites Faß öffnen, hörte aber plötzlich hinter seinem Rücken ein unheimliches Zischen. Schnell drehte er sich um, prallte erschrocken zurück, denn vor ihm stand eine große, glänzende Schlange mit hoch erhobenem Kopf, im Maul einen goldenen Schlüssel. Weil die Schlange gar so fürchterlich zischte und immer näher kam, packte den Burschen das Entsetzen; mit gewaltigen Sprüngen eilte er durch den Gang ins Freie und lief den Schloßberg hinab in die Stadt. Hinter sich hörte er dann klägliches Wimmern und lautes Weinen.

Die Schlange war natürlich ein verzaubertes Burgfräulein, das seit vielen Jahren den Schatz hüten muß. Wer aber der Schlange den goldenen Schlüssel entreißt, der kann den großen Schatz mühelos heben und bekommt noch obendrein die wunderschöne Jungfrau dazu, die dann erlöst ist.

Quelle: Was die Heimat erzählt, Die Weststeiermark, Das Kainach-, Sulm- und Laßnitztal. Herausgegeben von Franz Brauner. Steirische Heimathefte. Graz 1953.
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