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5. Sagen aus Ligist und Umgebung.

Der Neidling.

Auf dem Ligistberg lebte vor vielen Jahren ein Winzer, allen Leuten als ein überaus neidiger Mensch bekannt; deshalb erhielt er auch den Spottnamen „Weinzerlneidling“. In seinem Haus hielt er zwei große Säcke versteckt, die mit dicken Silbertalern gefüllt waren, doch gab er nicht einen einzigen davon her. Seine Knechte und Mägde behandelte und bezahlte er sehr schlecht, und wenn ein Armer zu seinem Anwesen kam, so jagte er ihn mit bösen Scheltworten hinweg. So ging es jahraus, jahrein, der Mann wurde immer reicher, aber auch immer geiziger und neidiger.

Eines Tages wurde ein zum Tod verurteiltes Mädchen vom Henker zur Richtstätte geführt. Da kam diesem traurigen Zug der Neidling mit einem Wagen entgegen, der übervoll mit schönen Weintrauben gefüllt war. Weinend bat ihn das Mädchen um eine einzige Traube, um den Durst zu stillen. Der Neidling aber gab ihm nichts und beschimpfte es noch überdies. Da packte die Begleitpersonen hellichter Zorn, sie fielen über den Neidling her und schlugen mit Stöcken und Fäusten solang auf ihn ein, bis er halbtot liegenblieb. Dann verlangten sie, daß er mindestens die Hälfte seines Geldes der Kirche und den Armen schenken müsse.

Das Mädchen wurde freigesprochen, weil im letzten Augenblick seine Unschuld bewiesen wurde. Den Winzer aber hat bald darauf der Teufel geholt.

Quelle: Was die Heimat erzählt, Die Weststeiermark, Das Kainach-, Sulm- und Laßnitztal. Herausgegeben von Franz Brauner. Steirische Heimathefte. Graz 1953.
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